Biontechs Freundin in New York

Corona-Impfstoff: Die aus Erfurt stammende Kathrin Jansen steht für die Kooperation von Pfizer und der deutschen Firma Biontech.

International angesehene Spitzenforscherin: Kathrin Jansen
International angesehene Spitzenforscherin: Kathrin Jansen picture alliance / ZUMAPRESS.com / CBS/60 Minutes

Kathrin Jansen erinnert sich gut an den 8. November 2020. Sie wollte übers Wochenende ein bisschen raus aus ihrer Wahlheimat New York. Die Forschungschefin in der Impfsparte des Pharmakonzerns Pfizer machte gerade einen Spaziergang mit ihrem Mann am Hudson River, als ihr Telefon klingelte. Es war ein Facetime-Anruf ihres Vorstandschefs Albert Bourla, und der hatte spektakuläre Neuigkeiten. Die Studienergebnisse des Corona-Impfstoffs, den Pfizer zusammen mit dem deutschen Partner Biontech entwickelt, waren da, und sie übertrafen alle Erwartungen. Die Tests ergaben eine Wirksamkeit von mehr als 90 Prozent.

Noch einige Wochen zuvor hatte Jansen im Interview mit der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ gesagt, selbst 50 Prozent wären schon viel wert, auch wenn sie auf deutlich mehr hoffe. Nun hatten Pfizer und Biontech handfeste Hinweise, dass ihr Impfstoff eine äußerst starke Waffe im Kampf gegen das Virus sein könnte. Jansen machte Luftsprünge vor ihrem verdutzten Mann, als sie die Nachricht hörte. Der Spaziergang war schnell vorbei, und Jansen ging wieder an die Arbeit. Am Tag danach erfuhr die Öffentlichkeit von den positiven Daten. Im Dezember bekamen Pfizer und Biontech nach und nach die Zulassungen von Gesundheitsbehörden in verschiedenen Teilen der Welt, auch in den USA starteten die Impfungen mit dem Mittel der beiden Unternehmen.

US-Präsident Biden ließ sich ebenfalls mit dem neuen Mittel impfen.
US-Präsident Biden ließ sich ebenfalls mit dem neuen Mittel impfen. dpa

Der Impfstoff wird als deutsche Erfolgsgeschichte gefeiert, weil er in den Laboren von Biontech entstanden ist. Die Biontech-Mitgründer, das vormals in der breiten Öffentlichkeit kaum bekannte Forscher-Ehepaar Uğur Șahin und Özlem Türeci, sind ins Rampenlicht katapultiert worden. Dabei hat die erfolgreiche Kooperation mit Pfizer noch mehr Bezüge zu Deutschland: Kathrin Jansen, die das Bündnis mit Biontech eingefädelt und seitdem eine zentrale Rolle in dem Projekt hat, ist gebürtige Erfurterin. Auch Pfizer selbst hat deutsche Wurzeln. Der New Yorker Konzern wurde 1848 von den  deutschen Einwanderern Charles Pfizer und Charles Erhart gegründet, die beide in Ludwigsburg geboren wurden und mit dem Vornamen Karl aufwuchsen.

Pfizer und Biontech arbeiten schon seit 2018 zusammen. Damals wurde eine Kooperation zur Entwicklung einer Grippeimpfung geschlossen, die – wie nun auch das Corona-Vakzin – auf der mRNA-Technologie basiert. Bei diesem Ansatz werden menschliche Zellen so manipuliert, dass sie selbst Immunschutz entwickeln können. Als sich Anfang 2020 das Coronavirus rasant ausbreitete, rief Biontech-Chef Șahin bei Jansen an, um auszuloten, ob Pfizer die Allianz womöglich auf die Bekämpfung der neuen Pandemie ausweiten möchte. Die Pfizer-Forscherin war sofort interessiert und holte sich die Zustimmung ihres Vorstandschefs. Am 17. März 2020 wurde die Partnerschaft offiziell verkündet. Sie gibt Biontech Zugriff auf die Kapazitäten des Pharmagiganten und umfasst nicht nur Forschung und Entwicklung, sondern auch Produktion und Vertrieb des Impfstoffs. Jansen sagt, sie habe Biontechs mRNA-Technologie von Anfang an für die „beste Wette“ im Rennen um eine Corona-Impfung gehalten.

Jansen wurde 1958 in Erfurt geboren, ihre Familie floh mit der Zweijährigen kurz vor dem Mauerbau aus der DDR. Sie wuchs dann in Marl in Nordrhein-Westfalen auf. Als Kind war sie oft krank, was sie als einen Grund dafür anführt, warum sie etwas mit Medizin machen wollte. Sie erwarb einen Doktortitel in Mikrobiologie, Biochemie und Genetik an der Philipps-Universität in Marburg und ging danach für eine Postdoc-Stelle an die amerikanische Cornell University. 1992 begann Jansen ihre Karriere in der amerikanischen Pharmaindustrie, zunächst bei Merck & Co., einem Unternehmen, das außer gemeinsamen Wurzeln heute keine Verbindung mehr zur deutschen Merck KGaA in Hessen hat. Bei Merck & Co. war Jansen unter anderem für die Entwicklung von Gardasil verantwortlich, dem ersten Impfstoff gegen Gebärmutterhalskrebs. 2006 wechselte sie zum Wettbewerber Wyeth, der 2009 von ihrem heutigen Arbeitgeber Pfizer übernommen wurde. Ende des vergangenen Jahres kürte das Fachmagazin „Nature“ Kathrin Jansen zu einer der zehn prägendsten Persönlichkeiten des Wissenschaftsjahrs 2020.

Impfungen haben der Gesundheit von Menschen nachweislich enormen Nutzen gebracht.

Kathrin Jansen, Pfizer

Die Arbeit an einer Corona-Impfung dürfte Jansens bisher größte Herausforderung sein. Sie sagt selbst: „Dieses Projekt hat eine Intensität und ein Tempo wie noch kein anderes. Wir machen alles gleichzeitig statt nacheinander.“ Die Forscherin glaubt fest an den Nutzen von Impfungen, auch wenn sie sich oft Impfskeptikern gegenübersieht. Ihr Argument: „Impfungen haben der Gesundheit von Menschen nachweislich einen enormen Nutzen gebracht. Wir leben heute länger und unseren Kindern geht es besser, weil wir uns um bestimmte Infektionskrankheiten keine Sorgen mehr machen müssen, zumindest in vielen Teilen der Welt.“ Sie sagt: Wenn es eine sichere und wirksame Impfung gibt, sollte man nicht einmal darüber nachdenken müssen, sie auch zu nutzen.

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