Kanon der Kulturen

Jiddischer Walzer mit Latin-Rhythmen: Das deutsch-israelische Caravan Orchestra lebt von musikalischen Kontrasten.

Musikalischer Austausch: Das deutsch-israelische Caravan Orchestra
Musikalischer Austausch: Das deutsch-israelische Caravan Orchestra Yulia Kabakova

Projekte zum deutsch-israelischen Austausch gibt es viele, doch kaum eines klingt so gut wie das „Caravan Orchestra“. Entstanden ist die Kooperation zwischen dem Yiddish Summer Weimar und der Abteilung für Musik der Universität Haifa im Jahr 2017. Im Caravan-Orchestra treffen sich knapp 30 Musikerinnen und Musiker aus Deutschland und Israel, vor allem aus der Gegend um Haifa, für eine zwei- bis dreiwöchige Probenphase mit anschließenden Konzerten. Seit 2019 gibt es auch einen Caravan-Chor.

Zu den deutschen Musikerinnen gehört auch Luise Fakler aus Berlin. Die Geigerin ist seit Projektbeginn dabei, hat in Israel zeitweise studiert und sich aus Interesse am Land für das Orchester beworben. „Es gefällt mir immer noch richtig gut“, sagt sie. Das Orchester ist für sie ein musikalisches Abenteuer. „Die Arbeitsweise ist wirklich sehr ungewöhnlich. Wir erarbeiten die Stücke nach Gehör, singen sie zunächst und improvisieren viel. Klassische Musiker tun sich da oft schwer, diejenigen, die vom Jazz kommen, haben es deutlich leichter“, erzählt Fakler. Die Gruppen seien sehr gemischt, in der deutschen Gruppe gebe es Musizierende mit klassischer Ausbildung, Jazzmusikerinnen und -musiker, viele mit unterschiedlichsten Migrationshintergründen. Auch in der Gruppe aus Haifa spielen jüdische, muslimische und drusische Musiker. Es kann also passieren, dass sich Stücke des berühmten jüdischen Klarinettisten Naftule Brandwein mit Musik aus Ägypten, Algerien oder Griechenland abwechselt oder auch ein jiddischer Walzer mit Latin-Rhythmen kombiniert wird.

„Wir lassen die Politik draußen“

In dieser Vielfalt aufgewachsen ist auch Natalia Koretsky, eine klassisch geschulte Tuba-Spielerin aus Haifa. Sich Musik über das Gehör anzueignen und nicht vom Blatt zu spielen – das war auch für sie eine ganz neue Erfahrung. Das Wichtigste am Caravan Orchestra sei aber: „Wir lassen die Politik draußen. Wir machen einfach nur gemeinsam Musik, das zählt.“ Mittlerweile sei das Caravan Orchestra für sie „wie eine große Familie“. Auch, wenn die Probenarbeit sehr anstrengend sei. „Das Größte sind die Auftritte – wenn alles gelingt und wir das Strahlen in den Augen des Publikums sehen.“

Auch Jeryes Murkus Ballan, einer der beiden Dirigenten betont: „Wir bringen keine Politik auf die Bühne“. Und auch, wenn er sich im Vorfeld Gedanken über einen möglichen musikalischen Schwerpunkt macht, weiß er doch nie, mit wem er arbeiten wird. „Es gibt zwar mittlerweile einen Stamm von Musikern, die schon mehrere Male dabei waren, aber es ist dennoch jedes Jahr ein neues Orchester, mit unterschiedlichen Stilen.“ Die Orchestermitglieder müssen sich dann innerhalb weniger Probewochen, meist eine in Haifa und eine in Weimar, das Repertoire erarbeiten. „Das bedeutet viel Enthusiasmus und viel Adrenalin. Auch für die Dirigenten.“

Wir lassen die Politik draußen. Wir machen einfach nur gemeinsam Musik, das zählt.

Natalia Koretsky

Mehr musikalische Schnittmengen als gedacht

Das Orchester – und seit 2019 eben auch der Chor -- besteht aus Musikerinnen und Musikern, die nicht älter als 26 Jahre sind. Sie bewerben sich für einen zwei- bis dreiwöchigen Aufenthalt in Haifa und Weimar. Bei der Auswahl achten der Projektmanager auf deutscher Seite, Andreas Schmitges, und die musikalischen Leiter auf zweierlei: Dass die Zahl der Teilnehmenden etwa je zur Hälfte aus beiden Orten kommt und dass am Ende musikalisch vielfältige, aber spielfähige Ensembles entstehen. Auch, wenn die Besetzung mit beispielsweise Oud, Bouzouk, Blockflöte, Keyboard, Posaune, Tuba, Schlagzeug, E-Bass oder Perkussion immer noch höchst ungewöhnlich ist, Gemeinsamkeiten gibt es viele. Sogar musikalische Welten wie die osteuropäisch-jiddische und die arabisch-osmanische haben oft Schnittmengen, die es wieder ins gemeinsame Bewusstsein zu holen gilt. Diese Gemeinsamkeiten sollen auch 2020 im Fokus stehen, wenn Dirigent Ballan einen Programmschwerpunkt auf die Musik des Osmanischen Reiches legen will.

Wie Purim und Roshashone, Zuckerfest und Weihnachten

Wichtig ist den musikalischen Leitern: Wer Lieder aus diversen Kulturen spielt, darf Unterschiede nicht glattbügeln – sonst entsteht Pop. Und die Botschaft ist nicht mehr die Musik selbst, sondern wird zu einem rein politischen Projekt „degradiert“. Auch wenn die Teilnehmenden die Politik bewusst aus dem Probensaal halten wollen, bleibt doch eine verbindende Botschaft, die über die Klänge hinaus geht. „Dafür ist Weimar der richtige Ort“, findet Schmitges. Auch, weil die 65.000-Einwohner-Stadt überschaubar ist und die musikalischen Gäste hier immer wieder schnell zueinander finden, für die Proben und für die Freizeit. Zum anderen, um das kulturelle Erbe der kleinen Stadt, in der die Dichter Goethe und Schiller lebten, zu nutzen und dieses Projekt der deutsch-israelischen Kooperation „all dem entgegenzustellen, was man sonst so aus Thüringen zu hören bekommt“, sagt  Schmitges und spielt damit auf den Wahlerfolg von Rechtspopulisten in dem Bundesland an. „Es geht vor allem auch darum, einander zuzuhören und das musikalische Erbe des jeweils anderen zu entdecken. Das führt dann zum gemeinsamen Repertoire,“ erklärt der Projektmanager.

Es ist wie Purim und Roshashone, Zuckerfest und Weihnachten zusammen – so lautet das Ideal. Nicht umsonst wurde das Projekt 2018 mit dem Shimon-Peres-Preis ausgezeichnet. Die Teilnehmenden sollen erkennen: Meine Musik gehört mir, ist Teil meiner Identität. Aber was ich spiele, wird von anderen gehört. Und was man hört, gehört einem irgendwann auch – man kann es zu seinem eigenen Lied werden lassen. Oder zu einem gemeinsamen Kanon.

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