Die Tücken des Durchschnitts

Walter Krämer ist Professor für Statistik in Dortmund und weiß, welche Fakten die Deutschen am besten beschreiben – und welche nicht.

Fotos von Fans statt Zuschauern im Stadion
Fotos von Fans statt Zuschauern im Stadion picture alliance/dpa

Herr Professor Krämer, unser Thema ist „Deutschland im Durchschnitt“. Mit welchen Zahlen und Fakten würden Sie als Statistiker die Menschen in Deutschland beschreiben?

Bei den üblichen Kenngrößen wie Einkommen, Vermögen, Lebenserwartung, Schulbildung gemessen in Jahren oder Zahl der Kinder pro Familie sind die Deutschen europaweit gesehen erfrischend durchschnittlich. Selbst im Bierkonsum pro Kopf wurden sie inzwischen von den Tschechen und den Österreichern überholt. Aus der Rolle fällt ihre Liebe zum Auto, ihre Heimatverbundenheit und ihre Fußballbegeisterung. Die Deutschen ziehen im Laufe ihres Lebens weit weniger oft um als Menschen in anderen Ländern wie zum Beispiel den USA. Und mit mehr als 7 Millionen Mitgliedern und mehr als 26.000 Vereinen ist der Deutsche Fußballbund der größte Einzelsportverband der Welt. Auch die durchschnittliche Zahl der Zuschauer pro Spiel ist in der Bundesliga höher als in jeder anderen Spitzenliga in Europa.

Statistik-Professor Walter Krämer, Technische Universität Dortmund
Statistik-Professor Walter Krämer, Technische Universität Dortmund

Völlig in die Irre führt das Sauerkraut-Klischee.

Statistik-Professor Walter Krämer, Technische Universität Dortmund

Sie haben sich auch durchaus launig mit Ihrem Fach auseinandergesetzt. Welche häufig verwendeten Zahlen führen bei der Beschreibung der Menschen in Deutschland schnell in die Irre?

Fangen wir mal mit der durchschnittlichen Familiengröße von 1,3 Personen an. Daran sieht man, dass das üblicherweise als Durchschnitt verwendete arithmetische Mittel zu Werten führen kann, die im wahren Leben gar nicht vorkommen. So hat auch jeder Deutsche im Durchschnitt weniger als zwei Beine, genau 1,99999. Völlig in die Irre führt das Sauerkraut-Klischee. In Polen isst man mehr als doppelt so viel Sauerkraut pro Kopf, und eine einzige amerikanische Firma im Bundesstaat New York erzeugt pro Jahr mehr Sauerkraut als alle deutschen Produzenten zusammen.

Wann stoßen Durchschnittsberechnungen als Mittel der Beschreibung komplexer Sachverhalte an ihre Grenzen? Oder wann sind andere Parameter wie zum Beispiel Extreme aussagekräftiger?

Bei Durchschnitten muss man immer auch die Abweichungen vom Durchschnitt im Auge behalten. Wenn drei Freunde im Durchschnitt fünf Bier am Abend trinken, macht es einen großen Unterschied, ob alle das gleiche trinken oder einer 15 und die anderen nichts. Und dann sind Durchschnitte oft auch völlig uninteressant. Wer will wissen, wie schnell die Leichtathleten bei den letzten olympischen Spielen die 100 Meter im Durchschnitt gelaufen sind? Hier sind eher die Extreme gefragt.

Interview: Martin Orth

© www.deutschland.de

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