Volle „Kopftuchmädchen“-Power

Sie möchte Frauen mit Kopftüchern mehr Sichtbarkeit geben: 2020 gründete Dalal Mahra das Medienunternehmen „Kopftuchmädchen“. 

Dalal Mahra setzt sich gegen Stereotype muslimischer Frauen ein.
Dalal Mahra setzt sich gegen Stereotype muslimischer Frauen ein. privat

Dalal, wie bist du auf die Idee gekommen, „Kochtuchmädchen“ zu gründen?

„Kopftuchmädchen“ spiegelt meine eigene Reise mit dem Kopftuch wider. Eigentlich wollte ich mit 19 Jahren anfangen das Kopftuch zu tragen, aber in meiner Friseurlehre wurde mir ganz klar gesagt, dass ich mit Kopftuch dort nicht arbeiten kann. Mit 21 Jahren habe ich selbst entschieden, das Kopftuch zu tragen. Das war nicht einfach. Ich hatte das Gefühl, dass viele Leute dagegen waren und es nicht gut fanden.

„Kopftuchmädchen“ habe ich gegründet, weil ich zeigen wollte, dass es viele starke, muslimische Frauen gibt, die eine eigene Stimme haben und anderen Frauen ein Vorbild sein können. In den deutschen Medien wird oft über kopftuchtragende Frauen gesprochen, aber selten mit ihnen. Das hat mich gestört.

„Kopftuchmädchen“ ist eigentlich eine abwertende Bezeichnung für junge Frauen, die ein Kopftuch tragen. Wieso hast du dein Medienunternehmen so genannt?

Ich wollte gerne einen Begriff nehmen, der Aufmerksamkeit schafft, den man nicht vergisst. Kopftuchmädchen fand ich dafür genial. Ich möchte, dass man den Begriff mit coolen Frauen assoziiert, die ihren eigenen Weg gehen.

Was ist das Ziel der Agentur?

Wir machen Female Empowerment muslimischer Frauen in Deutschland. Unser Ziel ist, ihnen mehr Sichtbarkeit in den Medien und der Gesellschaft zu geben. Wir wollen die Lebensrealitäten muslimischer Frauen zeigen. Es ist uns wichtig, dass wir uns gesehen fühlen.

Wie seid ihr mit Kopftuchmädchen gestartet?

Wir haben angefangen mit dem „Kopftuchmädchen-Power“-Post auf Instagram. Darin haben wir muslimische Frauen porträtiert – mit einem Bild, ihrer Profession, ihren größten Erfolgen und was sie anderen muslimischen Frauen mitgeben möchten. Das kam supergut an. Danach sind wir immer sonntags live gegangen und haben mit Expertinnen über ganz unterschiedliche Themen gesprochen, die unsere Community bewegen.

Und was bewegt die Community?

Unsere Community besteht aus Frauen im Alter zwischen 20 und 40 Jahren. Bei einer Userumfrage haben wir herausgefunden, dass diese Frauen verschiedene Herausforderungen sehen. Dazu gehören Sexismus, Rassismus und eine fehlende Zugehörigkeit. Wir versuchen diese Themen anzugehen und Lösungen für die Probleme der Frauen zu finden.

Wie sieht eure Arbeit aus?

Als Medienunternehmen liegt unser Fokus darauf, Videos herzustellen und Content zu posten, um mehr Sichtbarkeit zu erzeugen. Zusätzlich veranstalten wir mittlerweile auch Events, auf denen sich die Frauen vernetzen können.

Wieso ist es wichtig muslimische Frauenstimmen in der Medienlandschaft zu fördern?

Weil wir gezeigt werden, aber oft nicht so, wie wir sind. Es ist aber sehr wichtig, das marginalisierte Gruppen das Wort ergreifen, um Chancengleichheit zu gewährleisten. Was wir in Filmen sehen und was wir in den Nachrichten hören, beeinflusst unser Denken. Wenn sich das, was wir sehen, verändert, dann verändert sich auch unser Denken. Und wenn wir unser Denken verändern, dann verändern wir auch unsere Handlungen, unseren Umgang mit anderen Menschen und was wir über andere Menschen denken.

Wie werden kopftuchtragende Frauen in Deutschland wahrgenommen?

Das Kopftuch wird in Deutschland als eine Form der patriarchalen Unterdrückung wahrgenommen. Ganz oft wird Frauen abgesprochen, dass sie Feministinnen sind, wenn sie ein Kopftuch tragen. Und das ist das Problem.

Was bedeutet das Kopftuch für dich?

Für mich ist das Kopftuch in erster Linie ein Kleidungsstück. Es ist eine Möglichkeit, selbst zu bestimmen, wer meinen Körper sieht und wie jemand meinen Körper sieht. Ich möchte den Fokus auf meinen Charakter und meine Persönlichkeit lenken. Weg von den vorherrschenden Schönheitsidealen.

Schau mich an, schau meinen Charakter an und schau, was ich alles drauf habe. Das ist es, was „Kopftuchmädchen“ vermitteln möchte: Sei wer du bist.

Wir bekommen langsam eine neue Perspektive.

Dalal Mahra

Hast du das Gefühl, dass sich das Bild von muslimischen Frauen in Deutschland wandelt?

In den vergangenen Jahren hat sich einiges verändert. Ich sehe Frauen, die ein Kopftuch tragen und Model oder Make-up-Artist sind. Während meiner Ausbildung war es undenkbar, dass eine Frau in der Beauty-Branche arbeitet und ein Kopftuch trägt. Außerdem sehe ich viel mehr Frauen im Einzelhandel, die mit dem Kopftuch arbeiten. Ich sehe Werbeplakate von Mietervereinen, auf denen Frauen mit Kopftuch abgebildet sind. Und da geht es nicht mehr um das Kopftuch, sondern um die Mietergemeinschaft.

Wir bekommen langsam eine neue Perspektive. Muslimische Frauen sprechen selber, handeln selber und treten selbstbewusst auf. Es gibt nicht „die muslimische Frau“. Muslimische Frauen sind vielfältig und individuell.

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