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„Die Motivation ist beeindruckend“

Viele junge Menschen, die Zuflucht in Deutschland suchen, wurden mitten aus Studium oder Berufsleben gerissen. So helfen deutsche Unis vielen Geflüchteten beim akademischen Neustart.

Jeannette Goddar, 04.05.2017
© dpa - Refugees

Warum heißt es die S-Bahn, aber der Zug? Warum fragt man nicht „Ist der Zug direkt?“, sondern: „Ist es eine Direktverbindung?“ Wer einen Kurs besucht, in dem Menschen Deutsch lernen, die bis vor eineinhalb Jahren in Syrien oder Afghanistan lebten, bekommt einen guten Eindruck von der Komplexität der deutschen Sprache. In Potsdam zum Beispiel, wo sich rund 20 Kursteilnehmer – alle Akademiker – im fünften Monat ihres Sprachkurses mühen, eine virtuelle Reise mit dem Zug fehlerfrei hinzubekommen. Sie lernen dabei auch, dass das Du für Fremde nicht angebracht ist, für die Kursnachbarin aber schon.

„Refugee Teachers Welcome“

Der Kurs an der Universität Potsdam ist ein gutes Beispiel für die Vielfalt der Angebote deutscher Hochschulen für geflüchtete Studierende. Er ist Teil des Programms „Refugee Teachers Welcome“, das sich an Männer und Frauen richtet, die vor ihrer Flucht, meist aus Syrien, als Lehrkräfte an Schulen gearbeitet haben.

Nach dem Ende des einjährigen Kurses sind sie zwar keine Lehrer nach deutschem Recht. Aber sie haben Deutsch gelernt, Kurse zum deutschem Schulsystem, zu Didaktik und Pädagogik besucht und an einer Schule hospitiert. Nun hoffen die Veranstalter, dass ihre Absolventen zum Beispiel als unterstützendes Personal in den so genannten Willkommensklassen für geflüchtete Schüler tätig werden können. Dazu würden bereits Gespräche geführt, sagt der Koordinator des Projekts, Fredrik Ahlgrimm. Das Interesse der geflüchteten Lehrkräfte ist groß: 20 Plätze wollten die Initiatoren anbieten, beworben haben sich 700 Menschen. Also wurde das Angebot auf 60 Plätze aufgestockt. Die Landesregierung Brandenburg hilft bei der Finanzierung.

50.000 Studierwillige könnten unter den etwa einer Million Geflüchteten sein, schätzt die SPD-nahe Friedrich-Ebert-Stiftung. Also sind die Hochschulen seit 2015 aktiv geworden, um sich darauf einzustellen. Großes Engagement zeigten vor allem die Studierenden an deutschen Hochschulen, von denen viele auch in den Semesterferien bei der Erstaufnahme in den Flüchtlingsunterkünften halfen.

Beim Kicken Deutsch lernen

Die Vielfalt der studentischen Initiativen könnte kaum größer sein: Es gibt Buddy-Programme, um den „Neuen“ bei der Integration auf dem Campus oder am Wohnort zu helfen, oder bei Rechtsangelegenheiten. Von Augsburg über Gießen und Leipzig bis Hamburg arbeiten Refugee Law Clinics, in denen speziell fortgebildete Studierende Flüchtlinge durch das Dickicht ihres Asylverfahrens begleiten. In einem ähnlichen Modell unterstützen Medizinstudierende Geflüchtete bei Arztbesuchen, etwa in den Vereinen MigraMed in München oder Migrantenmedizin e.V. in Regensburg.

Zahlreiche Initiativen helfen bei der Verständigung, indem sie beispielsweise in Flüchtlingsheimen unterrichten, in Willkommensklassen gehen oder auf dem Campus Deutschkurse für Flüchtlinge anbieten. Manchmal wird das Deutschlernen mit etwas verknüpft, woran die Zielgruppe vielleicht noch mehr Spaß hat als am Vokabeln lernen: FuNah heißt ein Verein, der an der Uni Hildesheim entstand – er verbindet an Schulen Fußball mit Nachhilfe und Coaching.

„Die Leute wollen studieren“

Die Hochschulverwaltungen entwickelten neben Gasthörerangeboten vor allem Sprach- und Vorbereitungskurse. Eines der größeren Programme heißt Welcome@FUBerlin. Ab dem Sommersemester 2017 wird dazu auch Kinderbetreuung angeboten. „Wir lernen alle immer noch dazu“, sagt der Koordinator Florian Kohstall, „und wir haben gesehen, dass wir uns auch um Kinder kümmern müssen, um vor allem Frauen die Teilnahme zu erleichtern.“ 

Weit über hundert Studieninteressierte erschienen im Oktober 2015 zur Auftaktveranstaltung. Die ersten 72, die einen Monat später den ersten Kurs belegten, sind inzwischen im Regelstudium. „Die Motivation der meisten Studieninteressierten ist wirklich beeindruckend“, sagt Kohstall. Das, Ziel sei, bald ein „richtiges“ Studium zu beginnen. „Die Leute wollen studieren – und möglichst bald Geld verdienen,“ sagt Kohstall. Hier brauche es von den Unis viel Beratung und Orientierung. Zudem hilft es, dass es inzwischen Wege gibt, geflüchteten Menschen auch ohne Papiere oder dauerhaften Aufenthalt ein Studium und den Zugang zur finanziellen Studienförderung Bafög zu ermöglichen: „Die gröbsten Lücken sind geschlossen“, so Kohstall.

Fakten und Zahlen

  • Viele Hochschulprojekte werden vom Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD) aus Mitteln des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) gefördert.
  • Das Programm „Welcome – Studierende engagieren sich für Flüchtlinge“ unterstützt etwa 160 Studierendeninitiativen.
  • Integra (Integration von Flüchtlingen ins Fachstudium) unterstützt rund 170 Projekte von Hochschulverwaltungen zur fachlichen und sprachlichen Vorbereitung.
  • 6.600 Studierende wurden 2016 in studienvorbereitenden Maßnahmen gefördert.
  • Bis 2019 sollen 100 Millionen Euro in Maßnahmen für geflüchtete Studierende fließen.

Der DAAD bietet Informationen für Flüchtlinge, die in Deutschland studieren wollen.

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