Finale_2-13_D

Die Teilzeitvegetarier

Jürgen Ziemer fragt sich, wo der Appetit der Deutschen auf Wurst und Schnitzel geblieben ist.

Der Sonntagsbraten war früher in meiner Familie eine Art heiliges Sakrament. Ein Wirtschaftswunder im Kleinen, der Inbegriff von feiner Küche. Wie Trophäen platzierte meine Mutter ihre Kreation in der Mitte des Esstischs: Mal waren es goldgelb panierte Schnitzel, mal ein herzhafter, mit Zwiebeln und Speck gefüllter Rollbraten, oder mein Lieblingsessen, knusprig verbranntes Hähnchen mit öltriefenden Pommes. Salat spielte eine Nebenrolle. Bratenfett wurde damals großzügig über den Kartoffeln verteilt. Selbst glibberige Fettränder waren kein Tabu. Es waren Zeiten voller kulinarischer Unschuld. Wir aßen, was uns schmeckte, und das war vor allem: Fleisch.

In den letzten Jahren hat sich da einiges geändert. Fleisch ist in Deutschland kein Statussymbol mehr. Neben überzuckerten Softdrinks gilt es als Paradebeispiel ungesunder Ernährung. Nur Rabeneltern zwingen ihre Kinder zum Schnitzel, so lautet der neue Konsens. Bratwurstbuden, einst elementarer Bestandteil deutscher Ess-Folklore, werden immer seltener. Dafür hört man häufig den betont beiläufig geäußerten Satz: „Eigentlich esse ich ja kaum noch Fleisch.“ Es ist seltsam. Während man uns im Ausland nach wie vor für Wurst-Experten und Schnitzel-Spezialisten hält, sehen sich zwei Drittel der Frauen und knapp 40 Prozent der Männer in Deutschland als „Teilzeitvegetarier“. So lautet zumindest das Ergebnis einer Forsa-Studie. Nicht der Sonntagsbraten ist heute ein Statussymbol, sondern der asketische Verzicht darauf. In der Hoffnung auf ein möglichst langes, möglichst gesundes Leben kaufen wir auch immer häufiger im Biosupermarkt ein. Und wenn Fleisch auf den Tisch kommt, dann bitte von glücklichen Kühen und fröhlichen Freilandhühnern.

Das klingt vernünftig. Skandale im Zusammenhang mit Fleisch – das in Deutschland noch immer sehr billig angeboten wird – gab es schließlich genug: „Gammelfleisch“ im Döner, BSE im Steak, vor allem die großen Tiermastbetriebe liefern regelmäßig Anlässe für negative Schlagzeilen. Doch es ist nicht bloß die Sorge um die eigene Gesundheit – viele Menschen empfinden das Töten von Tieren ganz grundsätzlich als unmoralisch. Neben der Anklageschrift „Tiere essen“ des US-Amerikaners Jonathan Safran Foers sorgte vor allem „Anständig Essen“, ein Selbstversuch der deutschen Autorin Karen Duve, für einen Sinneswandel: Derart informiert ist es fast unmöglich, vor der Fleischtheke im Supermarkt die großen Augen kleiner Kälblein zu verdrängen. Manche schießen dabei allerdings ein wenig über das Ziel hinaus. Zum Beispiel Veganer. Für ein reines Gewissen und eine Welt ohne Quälerei verzichtet diese langsam, aber beständig wachsende Bevölkerungsgruppe auf alle tierischen Produkte: kein Braten, kein Käse, keine Eier, kein Honig und natürlich auch keine Lederschuhe oder Rasierpinsel aus Dachshaar. Das Leben wird so allerdings nicht einfacher. Neulich im Restaurant musste eine vegane Freundin mit knurrendem Magen einen sehr lecker aussehenden Salat zurückgeben. Der verantwortungsbewusste Kellner hatte ihr verraten: „Ich fürchte, da ist auch ein Tröpfchen Milch im Dressing ...“. Und Milch, so sehen es Veganer, ist ein Produkt der Ausbeutung, der Versklavung eines Tieres.

Natürlich, gerade jetzt im Sommer gibt es unzählige Köstlichkeiten aus Obstgarten und Gemüsebeet. Die Tische zwischen Alpen und Nordsee sind auch ohne Fleisch und Wurst reich gedeckt. Und ich gehöre inzwischen ebenfalls zu den Menschen, die gerne mal den Satz fallen lassen: „Eigentlich esse ich ja kaum noch Fleisch ...“. Nur manchmal, wenn sich der Geruch von gebratenem Knoblauch mit dem Duft von gegrilltem Fleisch aus ökologischer Aufzucht verbindet, bin ich überzeugt: Vernunft und ethische Prinzipien sind eine schöne Sache, doch wenigstens ab und zu sollten wir auch darauf hören, was unser Bauchgefühl uns sagt. ▪

Jürgen Ziemer lebt in Hamburg und arbeitet als Autor 
unter anderem für „Die Zeit“ und „Rolling Stone“. Als Hobbykoch versucht er sich überwiegend an der italienischen 
und thailändischen Küche.

Kommentar hinzufügen

Zum Verfassen von Kommentaren bitte Anmelden.