„Der Nahe Osten sollte weder Kulisse noch Projektionsfläche sein“
Der Historiker Daniel Gerlach erklärt, wieso der Nahe Osten auch von stabilen Ordnungen geprägt ist – und was das für die Friedenspolitik bedeutet.
Was können Erfahrungen aus dem Nahen Osten uns über Frieden lehren? Der unabhängige Experte Daniel Gerlach ist Historiker und Journalist, Chefredakteur des Nahost-Magazins „zenith“ und Direktor der Candid Foundation gGmbH in Berlin. In seinem 2025 erschienenen Buch „Die Kunst des Friedens“ rückt er eine Perspektive in den Mittelpunkt, die in Europa oft übersehen wird: den Nahen Osten als Raum historischer Friedensordnungen, politischer Aushandlung und strategischen Denkens. Im Interview spricht er kritisch darüber, warum Frieden in der Region weder naiv noch unrealistisch gedacht wird, weshalb europäische Politik häufig zu kurz greift – und was es für eine tragfähige Zusammenarbeit braucht.
In Ihrem Buch „Die Kunst des Friedens“ zeichnen Sie den Nahen Osten nicht nur als Krisenregion, sondern auch als Raum historischer Friedensordnungen. Was können wir in Europa davon lernen?
Es zeigt, dass die Menschen im Nahen Osten ebenso gut in der Lage sind, bewaffnete Konflikte beizulegen wie in Europa. Oder auch ebenso schlecht. Die Region ist der Knotenpunkt zwischen Europa, Asien und Afrika. Imperien haben Konflikte von außen in die Region getragen. Aufgrund dieser Geschichte denkt man im Nahen Osten viel geopolitischer als in anderen Teilen der Welt und versucht, globale Zusammenhänge zu verstehen. Außerdem offenbart sie viel Pragmatismus. Wer sich dort für Frieden und Dialog einsetzt, ist weder naiv noch realitätsfremd, sondern handelt im eigenen politischen Interesse.
Gute Nahostpolitik braucht personelle Kontinuität, die langfristige persönliche Beziehungen knüpft.
Sie plädieren für einen langfristigen Blick auf Frieden statt kurzfristigem Krisenmanagement. Wie könnte eine derartige Politik aussehen?
Manche Konflikte lassen sich managen, die meisten aber nicht. In Europa neigt man dazu, dem Nahen Osten dann Aufmerksamkeit entgegenzubringen, wenn es Terror, Krieg, Migrations- oder Energiekrisen gibt – etwa nach dem Erscheinen des Islamischen Staats oder dem russischen Angriff auf die Ukraine. Rücken die Krisen in den Hintergrund, verschwindet das Interesse. Der Deutsche Bundestag redet mit in der Außenpolitik, setzt sich aber nicht genügend und vor allem nicht sachverständig genug mit der Region auseinander. Gute Nahostpolitik braucht personelle Kontinuität, die langfristige persönliche Beziehungen knüpft. Die europäischen Staaten müssen im Verbund agieren. Wenn nicht alle zusammen, so doch mindestens mit den vier bis fünf mächtigsten Mitgliedern der EU. Da wird viel drüber geredet, aber wenn es drauf ankommt, geht auch in Berlin manchmal niemand ans Telefon.
Wie kann Deutschland im Nahen Osten glaubwürdig auftreten, wenn es gleichzeitig mit geopolitischen Interessen, Sicherheitsfragen und Wertedebatten konfrontiert ist?
Die Region hat kein Problem mit Interessenpolitik. Aber der Nahe Osten sollte weder Kulisse noch Projektionsfläche für innenpolitische Agenden sein, die nichts mit ihm zu tun haben. Insbesondere angesichts der deutschen Politik gegenüber dem Krieg in Gaza muss man vielerorts bei null beginnen, um Werte – oder auch Normen wie das Völkerrecht – überhaupt zu diskutieren. Deutschland hat Glaubwürdigkeit eingebüßt, die wir in anderen außenpolitischen Dossiers wie Russland oder Iran gut gebrauchen könnten.
Geopolitische Entscheidungen müssen die lokalen, gesellschaftlichen und politischen Realitäten berücksichtigen.
Wie müsste die deutsche Nahostpolitik aussehen, damit sie nachhaltiger zur Friedensförderung beiträgt?
Wenn ich eingangs sagte, dass die lokalen Akteure im Nahen Osten aufgrund ihrer Erfahrung geopolitisch denken, gilt das auch umgekehrt. Geopolitische Entscheidungen müssen die lokalen, gesellschaftlichen und politischen Realitäten berücksichtigen. Es gibt eine Reihe von Instrumenten, um Frieden zu fördern, der zu unserer Sicherheit und unserem Wohlstand beiträgt. Dazu gehören – je nach Land – gute diplomatische Beziehungen, Handel, wirtschaftliche Zusammenarbeit, Wissenschafts- und Kulturaustausch, aber auch eine Justiz, Militärs und Geheimdienste, die wachsam sind und uns Respekt verschaffen. Und schließlich die Zivilgesellschaft in Form professioneller Organisationen, die den Dialog aufrechterhalten und nicht von kurzfristigen Agenden, Wahlperioden und dem Besetzungskarussell der Ministerien abhängen. Bei ihnen liegt ein institutionelles Gedächtnis, das man bei den Behörden manchmal vermisst.