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Schulter an Schulter für neue Häuser aus Trümmern

Mit Schutt ehemalige Kriegsgebiete wiederaufbauen? Wie das funktioniert, zeigt der Mainzer Bauingenieur Alfons Schwiderski. 

Charlotte Schmitz, 20.02.2026
Alfons Schwiderski und sein Partner Omar Halima mit dem Stein „RE.CK“.
Alfons Schwiderski und sein Partner Omar Halima mit dem Stein „RE.CK“. © privat

Wenn Alfons Schwiderski zerstörte Wohnviertel in Aleppo oder im Gazastreifen sieht, denkt er nicht nur an Verlust. Er denkt auch an Material. An Betonreste, Ziegel und Trümmer, aus denen sich neue Häuser bauen lassen. Der Statiker aus Mainz hat einen Stein entwickelt, der genau daraus entsteht. Er heißt RE.CK, kurz für recycling brick.

„Unser Stein hat eine Fuge und eine Kante, so dass er einfach übereinandergelegt werden kann, ohne Mörtel“, erklärt Schwiderski. Ungelernte können damit mauern. Rund elf Kilo wiegt so ein Stein, er kann ohne Maschinen bewegt werden. Schwiderski will damit den Wiederaufbau erleichtern und beschleunigen. Seine Idee ist ein modulares System aus Recyclingmaterial, mit dem sich in Kriegs- und Krisengebieten günstig und vergleichsweise einfach Wohnraum schaffen lässt.

Schwiderski war zuletzt in Aleppo, um sein System vor Ort vorzustellen. Gemeinsam mit syrischen Ingenieuren, die in Deutschland arbeiten, bereitet er nun den nächsten Schritt vor: Der Baustoff soll von den zuständigen Behörden in Syrien genehmigt werden. Wie in Deutschland entscheiden auch dort Baubehörden darüber, welche Materialien für den Hausbau zugelassen sind.

Der 58-jährige Bauingenieur aus Mainz kümmert sich bereits seit 2016 um Geflüchtete, vor allem aus Syrien und Afghanistan. Er gründete ein Unternehmen, um ihnen Wohnraum zu beschaffen. Anschließend eröffnete er ein Architekturbüro mit Bauzeichner Omar Halima, der aus Syrien stammt. Gemeinsam tüftelten sie an dem Projekt, das den Wiederaufbau beschleunigen soll.

Wer sein Haus aus eigener Kraft baut und selbstständig abbezahlt, ist stolz auf das, was er sich aufgebaut hat.
Alfons Schwiderski

Omar stellte die Kontakte vor Ort her, momentan tauschen sich die beiden mit der Universität von Aleppo aus. Die Hochschule hatte vor dem Krieg das Thema Recycling erforscht und zeigt nun wieder Interesse. Schwiderski ist es wichtig, mit Partnern vor Ort auf Augenhöhe zu arbeiten: „Niemand wartet darauf, dass wir anreisen und den Menschen vor Ort die Welt erklären.“

Er betont, dass das Projekt aus Mainz auf drei Punkte abzielt: Den Wiederaufbau zu erleichtern sowie Wohnraum und Arbeitsplätze zu schaffen. „Die Menschen sollen sich am Bau beteiligen und etwa über Mietkauf die Häuser erwerben, in denen sie wohnen“, sagt er. Das würde zu dem Gefühl beitragen, eigenen Wohnraum zu besitzen, aus dem man nicht wieder vertrieben werden könne, sagt Schwiderski. „Wer sein Haus aus eigener Kraft baut und selbstständig abbezahlt, ist stolz auf das, was er sich aufgebaut hat.“ In Aleppo sind im vergangenen Jahr die Mieten um das Doppelte gestiegen, Wohnraum wird dringend benötigt.

Musterbau geplant 

Jetzt suchen Schwiderski und Mitstreiter Omar Halima ein Grundstück in Syrien, um einen Musterbau zu errichten und zu zeigen, dass auch mehrstöckige Gebäude möglich sind.

Der Stein, den Schwiderski gemeinsam mit dem Thüringer Unternehmen Polycare entwickelt hat, hat bereits eine Prüfung auf Druckfestigkeit bestanden. Das bedeutet, dass er hohen Belastungen standhält und sich auch für tragende Wände eignet. Das ist entscheidend, denn in Aleppo und perspektivisch auch im Gazastreifen muss viel Wohnraum auf engem Raum entstehen, oft in mehrgeschossigen Gebäuden.

Schwiderski steht in Kontakt mit einem Start-up in Gaza, um den neuartigen Baustoff auch dort auszuprobieren. Dort sind die Zerstörungen noch umfangreicher als in Aleppo, das Gebiet ist nahezu flächendeckend zerbombt. Derzeit funktionieren Internet und Telefon nur unzureichend, weshalb die Kontaktaufnahme schwierig ist. Daher konzentrieren sich der Mainzer Statiker und sein Team zunächst auf Syrien. Langfristig würde Schwiderski sein System gerne überall da etablieren, wo es Bauschutt gibt. Er hofft auf Unterstützung der staatlichen deutschen Entwicklungszusammenarbeit.

Bauen mit weniger Zement 

Für die Fertigung von „RE.CK“ wird Bauschutt auf bestimmte Korngrößen zertrümmert, die in einem genau festgelegten Verhältnis mit einem Bindemittel gemischt werden. Dieses Bindemittel besteht aus einem geringen Anteil von Zement, Asche und Ton oder Lehm.

Der Stein kann mit üblichen Maschinen zur Herstellung von Hohlblocksteinen gefertigt werden, jedoch muss die Stahlform der Maschine ausgetauscht werden. Die Projektpartner prüfen derzeit, wie aufwendig und teuer das sein wird. Sie zeigen sich zuversichtlich, dass „RE.CK“ günstiger sein wird als herkömmliche Steine. Außerdem werden Ressourcen gespart, da etwa in Gaza Baumaterial wie Sand oder Kies erst importiert werden müsste.

Zement ist vor Ort ein vergleichsweise teurer Stoff und belastet die Umwelt, daher wurde der Anteil im Bindemittel von herkömmlich 25 Prozent auf drei Prozent gedrückt. Schwiderski würde sich wünschen, ganz ohne Zement auszukommen, das ist aber bisher nicht möglich. Das Recycling von Material trägt zum Klimaschutz bei genauso wie die Reduktion des Zementanteils. Denn die Produktion von Zement führt zu einem hohen Ausstoß an Treibhausgasen wie Kohlendioxid.

Soziale Teilhabe als Ziel 

„Innovation kann in diesen Ländern nur gelingen, wenn viele Menschen daran interessiert sind und sich zusammenschließen“, sagt Schwiderski. Der Statiker freut sich daher besonders darüber, dass Fachleute mit ähnlichen Interessen auf ihn zukommen und Kontakte zur Wissenschaft entstehen. „In Syrien schauen wir, wo Menschen mit einem ähnlichen Herzschlag sind wie wir, denn es geht uns auch um soziale Teilhabe.“ Vielleicht entstehen aus den Trümmern zerstörter Städte so nicht nur neue Häuser, sondern auch neue Perspektiven für die Menschen, die dort leben.