100 Klimaüberflieger bis 2030

„NetZeroCities“ möchte 100 EU-Städte zu Klimaneutralität verhelfen. Wie lässt sich so ein ambitioniertes Projekt umsetzen?

400.000 Fahrräder auf 310.000 Einwohner: die Fahrradstadt Münster
400.000 Fahrräder auf 310.000 Einwohner: die Fahrradstadt Münster Adobe Stock/riebevonsehl

Die Europäische Union möchte bis 2050 klimaneutral werden. 75 Prozent der EU-Bürgerinnen und -Bürger leben in einer Stadt und sind damit maßgeblich für den CO2-Ausstoß der EU verantwortlich – denn Städte produzieren besonders viel Treibhausgas. Hier setzt die EU-Mission „NetZeroCities“ an, die 100 ausgewählten Städten bereits bis 2030 zur Klimaneutralität verhelfen möchte. „NetZeroCities“ ist Teil des Forschungs- und Innovationsprogramms „Horizon 2020“ und unterstützt den Green Deal der EU. Vor allem möchte es einen Strukturwandel in den Pilotstädten fördern und so auch Barrieren für die nachfolgende Städte aus dem Weg räumen.

Wie funktioniert „NetZeroCities“?

Das Projekt besteht aus 33 Partnern, darunter Städtenetzwerke, Forschungseinrichtungen und urbane Akteure. Gemeinsam bauen sie beispielsweise eine digitale Unterstützungsplattform für die teilnehmenden Städte auf. „Das hilft der EU-Kommission dabei, an die Kommunen heranzutreten und sie bei der Erfüllung der Mission zu unterstützen“, sagt Roman Mendle von ICLEI, einem Städtenetzwerk mit Sitz in Brüssel. Da die Städte unterschiedliche Strukturen und Voraussetzungen haben, muss für jede ein individuelles Konzept erarbeitet werden.

Zunächst aber werden „Climate City Contracts“ erstellt, eine Art öffentlicher Vertrag zwischen der EU und den Städten mit ihren Akteuren. „Dazu gehört ein Aktionsplan mit Projekten und Umsetzungsmaßnahmen, worauf wiederum Investitionen basieren“, erklärt Mendle. Darauf folgen Investitionspläne und Listen mit Vorhaben, die bis 2030 umgesetzt werden sollen. Den „Climate City Contract“ erstellt vor allem „Eurocities“ aus Brüssel mit den Städten. Auch hier gilt wieder: Jede Stadt ist anders. „Deshalb braucht es überall einen anderen Vertrag“, sagt Projektmanagerin Brooke Flanagan.

Was wird unternommen, um das Ziel zu erreichen?

Dabei geht es vor allem darum voneinander zu lernen. Die Plattform hilft den Kommunen dabei, sich zu vernetzen. Das sogenannte „City Twinning“ wird vom Klimabündnis koordiniert. Dabei werden Städte zusammengebracht, um gemeinsam zu lernen und ähnliche Maßnahmen auf dem Weg zur Klimaneutralität umzusetzen. „Die Idee dahinter: Städte lernen am besten von anderen Städten mit ähnlichen Konditionen und Herausforderungen“, erklärt Marie Kleeschulte vom „Klimabündnis“. Der Online-Austausch findet in Gruppenräumen zu bestimmten Themen statt. „Was die Städte beim nächsten Mal anders machen würden, ist eine wertvolle Information für andere Kommunen“, sagt auch Flanagan.

Am meisten getan werden muss bei Gebäuden und Mobilität.
Am meisten getan werden muss bei Gebäuden und Mobilität. Adobe Stock/tong253

Außerdem gibt es festangestellte City Advisors, die mehrere Städte persönlich betreuen und so einen besseren Überblick über deren Bedürfnisse haben. Nicht alle 112 teilnehmenden Städte seien gleich weit auf ihrer Reise zur Klimaneutralität. Mannheim hatte beispielsweise das Ziel schon festgelegt, bevor es die Mission gab. Hier gibt es schon einen Klimaaktionsplan. „Das macht es natürlich leichter, weil viele Verwaltungsprozesse angestoßen und Entscheidungsträger eingebunden sind“, erklärt Mendle. Um alle Städte erfolgreich ans Ziel zu bringen, braucht es diese Vernetzung: „Die City Advisors sind dabei eine Art Klebstoff zwischen den Städten und der Plattform und all der Expertise, die in ihr steckt“, sagt Flanagan.

Welche Herausforderungen gibt es?

Die EU-Mission stellt ein Budget von 53 Millionen Euro zur Verfügung. Zudem wird das das Projekt auch von der Privatwirtschaft unterstützt. Die Aufgabe beschreibt Flanagan so: Welche Ressourcen stehen den Städten zur Verfügung, welche Mittel braucht es noch und welche Vorgaben gibt es? Dazu entstehen ab dem kommenden Jahr einige Pilotprojekte innerhalb von „NetZeroCities“, aber insgesamt gehe es um das größere Bild: „Wir wollen nicht von einem kleinen Projekt zum nächsten übergehen. Wir brauchen wirklich eine systematische Veränderung innerhalb der Städte.“

Das Ziel, bis 2030 klimaneutral zu werden, ist ambitioniert. „Ich glaube, es gibt keine Stadt, der es nicht schwerfallen wird“, sagt Roman Mendle. Eine Unistadt mit vielen Fahrradfahrern habe es leichter als eine Industriestadt. Und dennoch haben die Erfahrungen in den USA im Cities Race to Zero-Bündnis gezeigt, dass die staatliche Unterstützung viele Entwicklungen ermöglicht und die Forschung einen „Riesensprung“ nach vorn gemacht habe. „NetZeroCities“ sorgt damit für schnelleres Handeln im Kampf gegen den Klimawandel.

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