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Transatlantische Wachstumsachse

Deutsche und US-amerikanische Unternehmen investieren kräftig im jeweils anderen Land – trotz und auch wegen der politischen Unwägbarkeiten. 

Wolf ZinnWolf Zinn , 06.01.2026
Mercedes-Benz betreibt ein großes Werk in Tuscaloosa (Alabama) und will auch künftig massiv in den USA investieren.
Mercedes-Benz betreibt ein großes Werk in Tuscaloosa (Alabama) und will auch künftig massiv in den USA investieren. © Mercedes Benz

Zollkonflikte, geopolitische Spannungen, wirtschaftliche Volatilität: Wer die Schlagzeilen der vergangenen Monate verfolgt, könnte glauben, der transatlantische Wirtschaftsraum stecke mitten in einer bedrohlichen Krise. Doch die Investitionsentscheidungen großer Konzerne aus Deutschland und den USA erzählen eine etwas andere Geschichte.  

So bauen etwa die Deutsche Telekom, SAP und Nvidia im ersten Quartal 2026 gemeinsam in München eine sogenannte Industrial AI Cloud auf – eine Hochleistungsinfrastruktur für industrielle Anwendungen der Künstlichen Intelligenz (KI). Das Investitionsvolumen liegt bei rund einer Milliarde Euro. Telekom-Chef Timotheus Höttges nutzt bei der Pressekonferenz im November 2025 eine einprägsame Metapher: „Wir wollen den Herzmuskel des Industriestandorts Deutschland trainieren.“ Nvidia-Gründer und CEO Jensen Huang ergänzt: „Deutschlands Stärke im Ingenieurwesen und in der Industrie ist legendär und wird jetzt durch KI noch weiter ausgebaut.“ 

Nvidia-CEO Jensen Huang (l.) und Telekom-Chef Timotheus Höttges präsentieren ein neues KI-Infrastrukturprojekt in München.
Nvidia-CEO Jensen Huang (l.) und Telekom-Chef Timotheus Höttges präsentieren ein neues KI-Infrastrukturprojekt in München. © Deutsche Telekom

Die USA entdecken Deutschland neu 

Das Projekt ist kein Einzelfall. US-Konzerne investieren derzeit im großen Stil in Deutschland, vor allem in digitale und industrielle Infrastruktur. Google kündigte im November 2025 an, bis 2029 rund 5,5 Milliarden Euro in Rechenzentren und Cloud-Kapazitäten zu stecken – mit Neubauten und Erweiterungen an zwei Standorten im Rhein-Main-Gebiet. Oracle plant Kapital in Höhe von zwei Milliarden Dollar einzusetzen, über fünf Jahre für Cloud- und KI-Regionen ebenfalls im Raum Frankfurt. Tesla wiederum vertieft in Grünheide bei Berlin seine Batteriewertschöpfung: Bis 2027 fließen mehrere hundert Millionen Euro in Vorstufen- und Zellfertigung. 

Derartige Investitionen sind nicht nur Kapitalbewegungen, sie sind Standortentscheidungen. US-Unternehmen beschäftigen in Deutschland mehrere hunderttausend Menschen. Die Vereinigten Staaten sind zudem der wichtigste Ursprung ausländischer Direktinvestitionen. Germany Trade & Invest (GTAI) spricht von einer anhaltend robusten Investitionsdynamik – getragen von industrieller Substanz, qualifizierten Fachkräften und dem Zugang zum europäischen Binnenmarkt. 

Deutsche Unternehmen setzen auf Marktnähe 

Der Blick über den Atlantik zeigt ein ähnliches Bild. Deutsche Unternehmen sind seit Jahrzehnten tief in den USA verwurzelt – und bauen ihre Präsenz weiter aus. Rund 6.200 deutsche Unternehmen unterhalten operative Standorte oder Tochtergesellschaften in den Vereinigten Staaten. Sie beschäftigen dort etwa 870.000 Menschen und gehören damit zu den größten ausländischen Arbeitgebergruppen des Landes. 

Allein Siemens hat in den USA mehr als 45.000 Angestellte und in den vergangenen 20 Jahren über 90 Milliarden Dollar in den US-Markt gesteckt, weitere zehn Milliarden sind bereits fest eingeplant. Ganz aktuell strömen 285 Millionen Dollar in neue und erweiterte Hightech-Fertigungsstandorte in Kalifornien und Texas. Siemens-CEO Roland Busch: „Wir schaffen neue Arbeitsplätze, bieten essenzielle Zukunftstechnologie und stärken die KI-Kompetenz Amerikas.“ 

Die jüngsten Investitionsentscheidungen deutscher Unternehmen folgen einer klaren Strategie: Kundennähe, Absicherung gegen handelspolitische Risiken, Lokalisierung von Wertschöpfung – etwa in der Automobilindustrie. So investiert zum Beispiel BMW 1,7 Milliarden Dollar in South Carolina – davon eine Milliarde in die Elektrifizierung des Werks Spartanburg, weitere 700 Millionen Dollar fließen in ein Batterie-Montagezentrum. 

Auch der Volkswagen-Konzern setzt mehr denn je auf Lokalisierung. Der neue Ableger Scout Motors errichtet in South Carolina ein Werk für elektrische Pick-ups und SUVs. Das Investitionsvolumen liegt bei rund zwei Milliarden Dollar, der Produktionsstart ist für Ende 2026 vorgesehen. Mercedes-Benz plant, ab 2027 ein neues, auf den US-Markt zugeschnittenes Modell im Werk Tuscaloosa (Alabama) zu fertigen. „Wir sind sehr sicher, dass der amerikanische Markt für uns strategisch wichtig als Wachstumsmarkt bleibt“, sagt Mercedes-CEO Ola Källenius. „Das ist der Grund, warum wir massiv in den USA investieren und warum wir dort auch mittel- bis langfristig deutlich wachsen können.“ 

Handel als Rückgrat der Investitionen 

Getragen wird diese Dynamik von einem starken Handelsfundament. 2024 belief sich der Warenhandel zwischen Deutschland und den USA auf 253 Milliarden Euro – mehr als mit jedem anderen Handelspartner. Maschinen, Fahrzeuge und Chemieprodukte treffen auf Software, Technologie und industrielle Vorleistungen. Neue Investitionen festigen diesen Austausch zusätzlich: durch kürzere Lieferketten, größere Resilienz und höhere politische Unabhängigkeit. 

Dass es sich nicht um kurzfristige Effekte handelt, prognostiziert der German American Business Outlook 2025 der Auslandshandelskammern: 84 Prozent der deutschen Tochtergesellschaften in den USA wollen ihre Investitionen in den kommenden drei Jahren ausweiten, 88 Prozent planen zusätzliche Einstellungen bis 2029. 

Standort Deutschland stärken 

Die Bundesregierung will derweil den Standort Deutschland noch attraktiver gestalten und hat dafür mit dem früheren Commerzbank-CEO Martin Blessing einen Investitionsbeauftragten ins Amt gehoben. Sonderabschreibungen, Unternehmenssteuersenkungen, weniger Bürokratie, beschleunigte Genehmigungsverfahren und staatliche Förderprogramme sollen neue Investoren anziehen – auch und gerade aus den USA. Doch der eigentliche Treiber ist betriebswirtschaftlich. Denn in einer Welt fragmentierter Märkte und wachsender Risiken gilt eine einfache Regel: Wer dort produziert, wo er verkauft und dort investiert, wo er forscht, bleibt handlungsfähig. Diese Logik stärkt jenseits der politischen Rhetorik und Handelsbarrieren die transatlantische Wachstumsachse. 

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