Das größte Auge der Menschheit
Andreas Kaufer leitet bald die Europäische Südsternwarte in Chile – und damit eine gigantische Baustelle. Worauf hofft er und welche Risiken gibt es?
Andreas Kaufer ist bald Chef von 750 Mitarbeitenden aus mehr als 30 Ländern: Im September 2026 wird er Generaldirektor der Europäischen Südsternwarte (ESO). Der deutsche Astronom arbeitet seit vielen Jahren für die ESO, den Posten an der Spitze übernimmt er von Xavier Barcons aus Spanien.
Herr Kaufer, die ESO will Forschenden auf der ganzen Welt dabei helfen, das Universum zu erkunden. Ihr wichtigster Standort ist Chile – was zeichnet ihn aus?
Chile ist einer der besten Orte für ein Observatorium. Laien gefällt ja häufig, wenn die Sterne so schön funkeln. Funkelnde Sterne sind aber unscharfe Sterne – durch Turbulenzen sehen sie aus, als ob sie am Himmel herumspringen würden. Je höher man geht, desto weniger Turbulenzen gibt es. In Chile haben wir hohe Berge und eine sehr stabile Atmosphäre. Hinzu kommt die Dunkelheit des Nachthimmels: In der chilenischen Wüste sind wir weit weg von jeglichem Störlicht.
Was wird Ihre Hauptaufgabe als Generaldirektor sein?
Wir bauen gerade das ELT, das Extremely Large Telescope, mit 40 Metern Durchmesser. Solch ein Teleskop hat noch niemand gebaut. Alles, was man in so einem Projekt anpackt, ist Neuland. Viele tausend Tonnen Stahl müssen ultrapräzise zu einem Teleskop zusammengebaut werden. Die Teleskopspiegel müssen mit Genauigkeiten von Nanometern positioniert werden.
Was genau passiert beim Bau dieses gigantischen Teleskops?
Der große Hauptspiegel wird aus 800 Segmenten zusammengesetzt, von denen jedes einzelne in Glaskeramik gegossen wird. Dann muss es geschliffen, geliefert und montiert werden. Es gibt viele Risiken, die sich nicht vorhersehen lassen. Und es gibt einen finanziellen Rahmen von 1,5 Milliarden Euro, den wir einhalten müssen. Wir fangen jetzt an, die Optik in die Stahlkonstruktion einzubauen. Bald werden wir sehen, welche Probleme auf uns zukommen.
Wann soll das ELT fertig sein?
Noch in diesem Jahrzehnt wollen wir es in Betrieb nehmen. Es gibt Konkurrenz, die US-Kollegen bauen auch ein Großteleskop, aber wir liegen in der Entwicklung viele Jahre vor ihnen. Darauf kann man sich aber nicht ausruhen. Denn wir wollen mit dem ELT auch das James-Webb-Weltraumteleskop noch nutzen, bevor es nicht mehr aktiv ist.
Wir wollen beobachten, was am Rande des Universums stattfindet.
Welche Entdeckungen erhoffen Sie sich vom ELT?
Das Spannendste ist immer das, was vorher keiner erwartet hat. Aber wir haben auch ganz konkrete, realistische Vorstellungen. Wir wollen beispielsweise beobachten, was am Rande des Universums stattfindet, wo es nur schwach leuchtende Objekte gibt. Ein schwaches Leuchten kann heißen, dass etwas sehr weit weg ist. Das können Objekte aus der Frühzeit des Universums sein. Oder ein Objekt ist in der Nähe, leuchtet aber nicht stark. Das alles können wir mit dem ELT beobachten.
Bringt Ihre Arbeit auch der Raumfahrt Vorteile? Dort gibt es viele ambitionierte Vorhaben, Deutschland hat seit 2025 ein eigenes Raumfahrtministerium.
Unser Beitrag zum Ausbau der Raumfahrt ist die Technologieentwicklung. Wir geben Aufträge an die Industrie, zum großen Teil in Europa, und stimulieren mit unseren hohen Ansprüchen Innovationen. Die Ergebnisse können auch für die Raumfahrt genutzt werden oder für den Bau von Satelliten. Außerdem leisten wir auch direkte Beiträge zur Raumfahrt. So beobachten und messen wir zum Beispiel die genaue Position von Satelliten.
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Einverständniserklärung öffnenIst Ihre Arbeit auch militärisch nutzbar?
Wir haben technologische Möglichkeiten, die auch im Verteidigungsbereich eine Rolle spielen könnten. Momentan ist unsere Vorgabe, dass wir unsere Arbeit wissenschaftlich und friedlich nutzen. Aber das schließt nicht aus, dass sich das ändern kann.
Sie arbeiten mit Ihrem europäischen Institut in Lateinamerika. Wie wichtig ist die Kooperation mit Chile für Ihre Forschung?
Wir legen großen Wert darauf, mit der Regierung in Chile gut zusammenzuarbeiten. Chile hat eine starke Verbindung zu unserer Arbeit. Die Menschen hier sehen den Sternenhimmel als ein wichtiges Kapital ihres Landes. Wir erklären der chilenischen Gesellschaft deshalb immer wieder, was wir hier genau machen.
Die ESO: 16 Staaten forschen gemeinsam
Wie ist das Universum entstanden? Sind wir dort allein? Was sind schwarze Löcher? An diesen und anderen Fragen arbeitet die Europäische Südsternwarte (ESO). Die ESO ist eine zwischenstaatliche Organisation mit 16 Mitgliedsländern und besteht seit 1962. Sie unterhält mehrere Forschungsteleskope in der chilenischen Atacama-Wüste.