Warum hat Deutschland 16 Bundesländer?
Was haben mittelalterliche Burgen mit Deutschlands Föderalismus zu tun? Eine Reise durch fast 1.000 Jahre Geschichte zeigt, wie die politische Ordnung des Landes entstand.
Deutschlands Föderalismus in vier Punkten
- Historische Wurzeln: Über Jahrhunderte bestand Deutschland aus zahlreichen kleinen Fürstentümern und Städten. Das prägt regionale Strukturen und Identitäten bis heute.
- Der Weg zum Nationalstaat: 1871 entstand ein geeintes Deutschland, doch die Einzelstaaten behielten erhebliche Eigenständigkeit.
- Lehre aus der NS-Diktatur: Die Nationalsozialisten beseitigten die föderale Ordnung. Nach 1945 wurde politische Macht bewusst wieder auf verschiedene Ebenen verteilt.
- Föderalismus heute: Seit der Wiedervereinigung 1990 besteht Deutschland aus 16 Bundesländern. Sie entscheiden unter anderem über Bildung, Kultur und Polizei und wirken über den Bundesrat an der Bundespolitik mit.
Vergesst „Game of Thrones“, hier kommt die deutsche Geschichte: Bis 1871 gab es zwar deutsche Könige und Kaiser, aber keinen deutschen Nationalstaat. Zeitweise bestand das Reich aus mehr als 1.000 Herrschaftsbereiche – manche so groß wie ganze Staaten, andere nur ein paar Quadratkilometer klein. Könige, Fürsten, Grafen und Herzöge kämpften um Macht und Einfluss. Auch Erzbischöfe und andere geistliche Herrscher spielten politisch eine wichtige Rolle. Dazwischen rivalisierten Städte um Handelswege und Einflusszonen. Und jeder Ritter, der etwas auf sich hielt, baute eine Burg: Im Hochmittelalter gab es mehr als 13.000 auf dem Gebiet des heutigen Deutschlands.
Was erzählen die Burgen über die politische Geschichte Deutschlands im Mittelalter?
Burg Eltz ist eine Burg wie aus einem Disneyfilm. Sie liegt tief verborgen im Tal des Elzbachs auf einem Felssporn im Wald. Heute gehört das Gebiet zwischen Eifel, Mosel und Rhein zu Rheinland-Pfalz. Im 12. Jahrhundert übten die Herren zu Eltz hier eine eigene kleine Herrschaft aus. Solche lokalen Herrschaften spielten eine wichtige Rolle in der kaiserlichen Machtpolitik. Burgherr Karl Graf zu Eltz erklärt: „Kaiser Barbarossa förderte hunderte ritterliche Familien, um ein Gegengewicht zu mächtigen Rivalen zu schaffen.“
Einen zentralen Staatsapparat, mit dem der Kaiser das gesamte Reich hätte regieren können, gab es nicht. Wenn er nicht selbst in einer Region Hof hielt, war er auf die Herrschaftsträger vor Ort angewiesen: Sie übten Herrschaftsrechte aus, zogen Abgaben ein und stellten Soldaten.
Wie lebte es sich in der Kleinstaaterei?
Für Reisende und Händler konnte die politische Vielfalt ziemlich lästig werden. Gesetze, Währungen und Maßeinheiten wechselten, an jeder Grenze wurden Zölle fällig. Graf Eltz erzählt von Tannenholz, das Holzhändler vom Schwarzwald über den Rhein bis nach Rotterdam transportierten: Auf dem Weg lagen bis zu 40 Zollstationen und jedes Mal wurde Zoll fällig. „Weil pro Floß abgerechnet wurde, bauten die Holzhändler irgendwann Flöße, die bis zu 500 Meter lang und 70 Meter breit waren.“
Die Kleinstaaterei hatte aber auch eine positive Seite. Die Landesherren bauten ihre Residenzen aus und konkurrierten um Künstler und Musiker. Deshalb gibt es in Deutschland heute viele regionale Kulturzentren statt einer einzigen dominierenden Hauptstadt. „Außerdem funktionierte Herrschaft im Kleinen oft besser als im Großen“, sagt Graf Eltz. „Es gab eine gewisse ‚Fühlungsnähe‘ zwischen Herrschenden und Untertanen. Man kannte sich und war aufeinander angewiesen.“
Wie wurde aus dem politischen Flickenteppich ein geeintes Deutschland?
Anfang des 19. Jahrhunderts geriet die alte Ordnung ins Wanken. Die napoleonischen Kriege erschütterten die politische Ordnung Europas. 1806 endete das Heilige Römische Reich. Nach Napoleons Niederlage entstand 1815 der Deutsche Bund, ein lockerer Zusammenschluss von 39 Staaten. Gleichzeitig gewann die deutsche Nationalbewegung an Bedeutung. Vor allem im gebildeten Bürgertum wuchs der Wunsch nach einem gemeinsamen Nationalstaat. Viele Menschen wollten mehr sein als „nur“ Bayern, Sachsen oder Rheinländer: Sie empfanden sich als Deutsche, verbunden durch Sprache und Kultur. „Noch war die Gegenwart allerdings eher unglücklich, deshalb verklärte man die Vergangenheit“, sagt Graf zu Eltz. „Mittelalterliche Burgen und ganz besonders Burg Eltz wurden zu romantischen Sehnsuchtsorten.“
1871 entstand schließlich ein deutscher Nationalstaat unter preußischer Führung und ohne Österreich. Wilhelm I. wurde zum deutschen Kaiser proklamiert. Auch das neue Kaiserreich war föderal organisiert: Seine Einzelstaaten behielten erhebliche Eigenständigkeit und waren über den Bundesrat an der Politik des Reiches beteiligt.
Diese föderale Ordnung beseitigten die Nationalsozialisten nach ihrer Machtübernahme 1933 schrittweise. Sie entmachteten die Länder und beseitigten ihre politische Eigenständigkeit. An die Stelle föderaler Strukturen trat ein zentralistischer Führerstaat.
Warum wurde Deutschland nach 1945 wieder föderal?
Nach dem Zweiten Weltkrieg sollte sich politische Macht in Deutschland nie wieder so stark an einer Stelle konzentrieren können. Die Alliierten setzten deshalb auf eine föderale Ordnung und stellten die Länder wieder her. Einige knüpften an ältere Traditionen an, andere wurden aus verschiedenen Regionen neu zusammengesetzt.
1949 entstand die Bundesrepublik Deutschland. Schon ihr Name macht deutlich: Der neue Staat sollte kein zentralistischer Einheitsstaat sein, sondern ein Bund aus Ländern. Und hier tauchte Burg Eltz an überraschender Stelle noch einmal auf: Sie zierte später die Rückseite des 500-DM-Scheins. „Es war uns eine Ehre“, sagt Graf zu Eltz. „Der 100-DM-Schein wäre mir lieber gewesen. Den bekamen mehr Menschen zu sehen.“
In der DDR verlief die Entwicklung anders. 1952 wurden die Länder faktisch abgeschafft und durch 14 Bezirke ersetzt. Erst 1990 stellte die Volkskammer die fünf ostdeutschen Länder wieder her. Mit der deutschen Wiedervereinigung am 3. Oktober 1990 wurde die föderale Ordnung der Bundesrepublik auf ganz Deutschland ausgeweitet. Der 3. Oktober wird seitdem als Tag der deutschen Einheit gefeiert.
Was bedeutet Föderalismus heute?
Deutschland besteht heute aus 16 Bundesländern. Bund und Länder teilen sich politische Aufgaben und Zuständigkeiten. Über den Bundesrat wirken die Landesregierungen an der Bundespolitik mit. In wichtigen Bereichen wie Bildung, Kultur und Polizei entscheiden die Länder weitgehend selbst. Deshalb können sich etwa Schulsysteme oder Polizeigesetze von Land zu Land unterscheiden.
Das föderale System macht politische Entscheidungen manchmal komplizierter. Gleichzeitig verteilt es Macht und sorgt dafür, dass unterschiedliche regionale Interessen in die Politik einfließen. Wie gut das Zusammenspiel zwischen Bund und Ländern funktioniert und wo es reformiert werden sollte, wird deshalb immer wieder diskutiert.
Vielleicht passt diese Ordnung gerade deshalb zu einem Land, dessen Regionen über Jahrhunderte eigenständig waren. Bayern, Sachsen, Berliner oder Norddeutsche pflegen bis heute ausgeprägte regionale Identitäten. Und Burg Eltz? Sie steht noch immer tief im Wald über dem Elzbach, als eine der wenigen deutschen Burgen, die nie zerstört und nie erobert wurde.