„Engagement ist systemrelevant“

Berlin ist Europäische Freiwilligenhauptstadt 2021: Die Berliner Staatssekretärin für bürgerschaftliches Engagement Sawsan Chebli im Interview

Sawsan Chebli
Sawsan Chebli Mathias Bothor

Freiwilliges Engagement auf lokaler Ebene fördern und weiterentwickeln – das ist die Idee hinter der Auszeichnung „Europäische Freiwilligenhauptstadt“, die das Centre for European Volunteering (CEV) vergibt. 2021 ging der Titel an die deutsche Hauptstadt Berlin – die zuständige Staatssekretärin Sawsan Chebli erzählt, was das für die Stadt bedeutet.

Frau Chebli, die Auszeichnung Berlins als europäische Freiwilligenhauptstadt muss Sie besonders freuen…

Ja, es hat mich unglaublich gefreut und stolz gemacht. Dieser Titel ist einerseits eine Anerkennung für unsere Arbeit und eine Würdigung des Engagements der Menschen in Berlin. Gleichzeitig ist es auch eine Verpflichtung, sich darauf nicht auszuruhen, sondern dieses Jahr zu nutzen, um das Engagement in unserer Stadt weiterzuentwickeln.

Wie tun Sie das?

Zunächst ist mir wichtig zu betonen, dass das Aktionsjahr nicht von der Politik allein durchgeführt wird, sondern die Engagierten und Organisationen es mit Leben füllen. Die Berliner Zivilgesellschaft arbeitet zum Beispiel in sogenannten Aktionsforen zu diversen Themen zusammen. Diese sind bereits gestartet, laufen aber noch bis Jahresende weiter. Außerdem gibt es in den nächsten Wochen und Monaten ein vielfältiges – bislang digitales – Workshop-Angebot und diverse Diskussionsveranstaltungen. Am 5. Dezember findet schließlich unsere feierliche Abschlussveranstaltung und Staffelübergabe an Danzig statt, die Europäische Freiwilligenhauptstadt 2022.

In Berlin ist ein Drittel der Bürgerinnen und Bürger freiwillig engagiert. Wie wichtig ist das für Wirtschaft und Gesellschaft?

Es ist systemrelevant. Es sind die Ehrenamtlichen, die helfen, diese Stadt am Leben zu halten. Sie sind es, die den sozialen Zusammenhalt unserer Gesellschaft sichern. Gerade in dieser schwierigen Pandemiezeit hat sich wieder gezeigt, dass es viele Menschen gibt, die sich selbstlos für andere einsetzen. Besonders wichtig ist mir, dass wir auch Zielgruppen erreichen, die bislang noch keinen Zugang zum Engagement gefunden haben, die in den gesellschaftlichen Debatten selten zu Wort kommen, die keine große Lobby haben. Wir müssen das Ehrenamt noch weiter öffnen, damit sich alle engagieren können, teilhaben an der Gesellschaft und sich mitgenommen fühlen.

Durch das Engagement habe ich mich zum ersten Mal intensiver mit politischen Themen befasst.

Dilara (18) macht einen Bundesfreiwilligendienst im Krankentransport

Kann freiwilliges Engagement Demokratie stärken?

Das Motto des Aktionsjahres ist „EntdeckeDasWirInDir“ und ich bin überzeugt davon, dass das Gemeinschaftsgefühl, das mit Engagement einhergeht, ganz entscheidend für eine lebendige und wehrhafte Demokratie ist – gerade weil wir zunehmend Angriffe auf demokratische Werte erleben und sehen, dass das Vertrauen schwindet. Engagement für andere und die Gesellschaft ist gelebte Solidarität und stärkt unser Gemeinwesen, das eine der Voraussetzungen für die Demokratie ist.

Wie funktioniert Freiwilligenengagement in der Pandemie?

Das freiwillige Engagement hat in der Pandemie – wie so vieles – unter den Einschränkungen gelitten. Aber gleichzeitig gab es auch viele Beispiele dafür, dass Freiwillige Großartiges geleistet und neue Wege gefunden haben, für andere da zu sein. Der unermüdliche Einsatz etwa in der Nachbarschaftshilfe, der Telefonseelsorge und in Impfzentren hat geholfen, die Auswirkungen der Krise zu lindern. Dafür kann ich den Engagierten gar nicht genug danken. Wir haben versucht, dieses beeindruckende Engagement zu unterstützen und zum Beispiel in jedem Berliner Bezirk Koordinierungsstellen für die ehrenamtliche Corona-Hilfe eingerichtet. Dort können sich Hilfesuchende melden und werden dann zusammengebracht mit Unterstützerinnen und Unterstützern. Außerdem haben wir mit „Digital Vereint“ eine Plattform geschaffen, um der Zivilgesellschaft beim riesigen Thema Digitalisierung zu helfen. Auch in diesem Bereich gibt es einen großen Bedarf, der durch die Pandemie aufgedeckt wurde.

Weitere Informationen: www.freiwilligenhauptstadt.berlin

Hier erzählen drei Berliner Freiwillige von ihrem Engagement.

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