„Die richtigen Signale senden“

Ein europäischer Bürgermeister für eine europäische Stadt: Der Deutsche Dominic Fritz ist Stadtoberhaupt von Temeswar in Rumänien.

Der deutsche Dominic Samuel Fritz
Der deutsche Dominic Samuel Fritz privat

Diese Wahl ist eine kleine Sensation: Im Westen Rumäniens, haben die Bürgerinnen und Bürger der Stadt Temeswar (rumänisch: Timișoara) den Deutschen Dominic Samuel Fritz zum Bürgermeister gewählt. Dabei ist er weder rumänischer Staatsbürger noch hat er familiäre Wurzeln dort. Der 36-Jährige stammt aus dem Schwarzwald und hat das Recht als EU-Bürger wahrgenommen, dort, wo er wohnt, bei den Kommunalwahlen anzutreten. 2003 kam er während seines Freiwilligen Sozialen Jahrs erstmals nach Temeswar, die drittgrößte Stadt Rumäniens. Fritz arbeitete dort in einem Waisenhaus. Die Stadt ließ ihn nicht mehr los: Er lernte Rumänisch, kam immer wieder, wurde Pate von Kindern „seiner“ Kinder aus dem Waisenhaus, gründete einen Gospelchor. In Deutschland engagierte sich der Politologe und Verwaltungswissenschaftler bei den Grünen. Zuletzt arbeitete er im Altbundespräsidenten-Büro von Horst Köhler, seit 2016 als Büroleiter. 2019 kündigte Fritz und lebt seitdem in Temeswar. Für die Reformpartei „Union Rettet Rumänien“ kandidierte er bei der Kommunalwahl am 27. September 2020 und erhielt auf Anhieb 55 Prozent der Stimmen.

Herr Fritz, Sie sind Deutscher – und gerade zum Bürgermeister der rumänischen Stadt Temeswar gewählt worden. Was können Sie der Stadt geben?

Wir können ein Zukunftsprojekt gestalten, das an die eigene Vergangenheit, die eigenen Werte anknüpft. Temeswar ist eine Stadt mit multikulturellen Wurzeln. Viel Innovatives ist hier entstanden, gerade weil es Diversität gab, weil man mit ganz unterschiedlichen Perspektiven konfrontiert wurde.

Es ist nicht so, dass ich deutsche Patentrezepte nach Temeswar bringe, sondern ich sehe es als meine Aufgabe, die Ressourcen und Energien und vielleicht verschütteten Traditionen und Werte, die es hier gibt, wieder fruchtbar zu machen. Die Tatsache, dass Temeswar als explizit europäische Stadt jetzt einen europäischen Bürgermeister hat, öffnet neue Türen für Investitionen, für Touristen, für Zusammenarbeit in Wissenschaft und Forschung. Auch da kann mein Hintergrund hilfreich sein.

Dass Temeswar jetzt einen europäischen Bürgermeister hat, öffnet neue Türen für Investitionen.

Dominic Fritz, Bürgermeister von Temeswar
Feiern nach dem Sieg in der Wahlnacht in Temeswar
Feiern nach dem Sieg in der Wahlnacht in Temeswar Constantin Duma

Viele Banater Schwaben, also Angehörige der deutschen Minderheit in der Region, leben nicht mehr dort. Fühlt man in Temeswar dennoch eine gewisse Verbundenheit gerade mit Deutschland – und hat Ihnen das geholfen?

Tatsächlich hat mich das Forum der Banater Schwaben ganz offiziell im Wahlkampf unterstützt. Das hat sicher für manche einen Unterschied gemacht. Es gibt eine freundliche Stimmung gegenüber Deutschen. Staatspräsident Klaus Johannis war früher Vorsitzender des Forums der Deutschen in Rumänien und lange Jahre Bürgermeister von Hermannstadt (rumänisch: Sibiu). Die Deutsche Schule, die immerhin zwei Nobelpreisträger hervorgebracht hat, haben auch viele Rumänen absolviert. Viele deutsche Firmen haben hier investiert, auch weil sie hier Mitarbeiter finden, die ganz selbstverständlich Deutsch sprechen. Daher war das für Temeswar selbst gar nicht so ein Riesending, dass ich Deutscher bin. Das hat gut zu der Identität der Stadt gepasst.

Welche Projekte planen Sie?

Ein großes ist, dass Temeswar 2023 europäische Kulturhauptstadt sein wird. Das sollte die Stadt eigentlich schon 2021 sein, wegen Corona haben wir zwei Jahre Aufschub. Ein anderes Projekt betrifft den Kanal Bega, der durch Temeswar fließt, und viele Entwässerungskanäle um die Stadt herum: Die wollen wir wieder begrünen und als großes naturnahes Wassernetz gestalten. Es gibt viele tolle Ideen, die Stadt wieder als Innovationsstandort zu stärken. Die ersten Firmen, die Interesse haben, hier zu investieren, haben schon angerufen. Das sind genau die richtigen Signale, die ich senden möchte.

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