„Kämpfe um Ressourcen nehmen zu“

Christophe Hodder ist der erste Klima- und Sicherheitsexperte bei einer UN-Friedensmission – die Stelle finanziert Deutschland.  

Christophe Hodder
Christophe Hodder privat

Christophe Hodders Job-Beschreibung ist bislang einmalig: Der Brite ist der erste Klima- und Sicherheitsexperte der Vereinten Nationen im Rahmen einer UN-Friedensmission. Das Auswärtige Amt finanziert diese Stelle, weil es davon überzeugt ist, dass das Thema Klima und Sicherheit ganz oben auf die Agenda der Vereinten Nationen gehört. Seit Juni 2020 unterstützt Hodder von Nairobi aus die Mission UNSOM in Somalia. Geplant ist, dass er regelmäßig in das Land am Horn von Afrika reist. Wegen der Corona-Pandemie war das bisher noch nicht möglich.

Herr Hodder, inwiefern sind Klima und Sicherheit verbunden?
Es gibt kaum Zweifel daran, dass der Klimawandel stattfindet. Der Wandel ist groß und massiv und er führt zu Veränderungen von Ökosystemen und Lebensgrundlagen. Das ist vor allem bedeutsam für Bevölkerungsgruppen, die abhängig sind vom sogenannten „Naturkapital“ – zum Beispiel lokale Bauern, die ihr Vieh an Flussufern weiden lassen. Zunehmende Überschwemmungen vertreiben diese Bauern. Sie werden weiterziehen auf Land, das vielleicht schon andere Bauern nutzen. Die Kämpfe um natürliche Ressourcen nehmen also zu und es gibt weitere Wechselwirkungen mit sozialen, politischen, wirtschaftlichen und demografischen Dynamiken. Wenn bestimmte Schwellenwerte erreicht und die Bewältigungskapazitäten von Menschen erschöpft sind, entsteht ein Geflecht, das menschliche Gemeinschaften grundsätzlich bedroht. Das ist die Verbindung zwischen Klima und Sicherheit.

Was sind die Risiken am Horn von Afrika, Ihrem neuen Arbeitsgebiet?
Es gibt dort zunehmende Dürren und Überschwemmungen, eine umweltbedingte Verschlechterung der Böden, Tier- und Pflanzenkrankheiten, menschliche Krankheiten wie Malaria, aber auch zoonotische Krankheiten wie Covid-19. Die Region hat zudem eine hohe Bevölkerungsdichte und eine wachsende Stadtbevölkerung, vor allem in den Slums, was zu einer höheren Nachfrage nach Lebensmitteln führt. Das wiederum wirkt sich auf die Preise aus. So überschneidet sich der Klimawandel mit einer Zunahme von Armut und sozialen Ungleichheiten. Dies alles verstärkt Instabilität und Konflikte um Ressourcen.

Hoffentlich kann ich beweisen, dass es wichtig ist, Klima und Sicherheit zu verknüpfen.

Christophe Hodder, Klima- und Sicherheitsexperte der UN-Mission für Somalia

Sie sind der erste Klima- und Sicherheitsexperte der UN im Rahmen einer UN-Friedensmission. Wie ist Ihre Rolle?
Meine Aufgabe ist es, die Hilfsmission der Vereinten Nationen in Somalia (UNSOM) bei der Umsetzung ihres Mandats im Umweltbereich zu unterstützen. Es geht darum, wie die Mission die Auswirkungen des Klimawandels und von Naturkatastrophen in ihren Programmen berücksichtigt. Ich unterstütze den stellvertretenden Sonderbeauftragten für Somalia und die Mission insgesamt dabei, Ansätze zur Umweltsicherheit in all ihre Aktivitäten einzubringen. Ganz grundsätzlich besteht meine Aufgabe darin, das Bewusstsein zu schärfen und die verschiedenen Partner und Akteure, darunter auch Graswurzel-Organisationen, zu koordinieren. Hoffentlich kann ich beweisen, dass es wichtig ist, Klima und Sicherheit zu verknüpfen und all dies in friedensschaffenden Missionen unter UN-Mandat zusammenzubringen.

Wie wollen Sie das erreichen und wer sind Ihre Partner?
Unterstützung bekomme ich unter anderem vom Climate Security Mechanism – einer Gruppe innerhalb der UN-Familie. Es gibt bereits eine Menge Forschung und verschiedene Partner haben intensiv an dem Thema gearbeitet, darunter die deutschen Botschaften. Doch es bleibt viel zu tun, wenn es um konkrete Veränderungen geht. Wir wollen versuchen, mit den politischen Zweigen der Missionen zusammenzuarbeiten, ihnen bei der Prüfung klimabezogener Friedensinitiativen und beim Aufbau legislativer und rechtlicher Institutionen zu helfen. Das ist der eine Aspekt, der andere ist die Unterstützung der Regierung und der verschiedenen Institutionen vor Ort.

Deutschland war maßgeblich daran beteiligt, das Thema in den UN-Sicherheitsrat einzubringen.

Christophe Hodder, Klima- und Sicherheitsexperte der UN-Mission für Somalia

Es ist also ein großes Netzwerk, mit dem Sie zusammenarbeiten.
Auf jeden Fall, und das ist auch nötig. Ein weiteres Thema dabei ist das Sammeln von Daten und Informationen, die ich für meine Arbeit brauche. Deshalb kooperiere ich mit Partnern wie der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) und dem UN-Hochkommissariat für Flüchtlinge (UNHCR). Innerhalb des UN-Umweltprogramms bekommen wir viele Informationen durch Satellitenbilder. Außerdem arbeiten wir mit regionalen Organisationen zusammen, die ebenfalls Daten und Informationen einbringen.

Ihre Arbeit wird vom Auswärtigen Amt finanziert. Wie sehen Sie die Rolle Deutschlands bei der Bekämpfung von Sicherheitsrisiken durch den Klimawandel?
Die Deutschen sind führende Partner, wenn es darum geht, sich mit Klima und Sicherheit auseinanderzusetzen. Sie waren maßgeblich daran beteiligt, dieses Thema in den Sicherheitsrat einzubringen. Ich möchte sie auffordern, sich auch weiterhin auf die langfristigen Auswirkungen des Pariser Abkommens zu konzentrieren. Sie sollten die Agenda zu Klima und Sicherheit erweitern und nicht nachlassen, das Thema in hochrangige Dialoge einzubringen. Ich möchte sie auch bitten, weiterhin die Kapazitäten der UN und der regionalen Organisationen zu stärken. Zudem bleibt es wichtig, die Stimmen der betroffenen Staaten wie Somalia hörbar zu machen. Deutschland sollte auch weiterhin Forschung betreiben, die Ergebnisse mit Partnern austauschen und mit gutem Beispiel vorangehen.

Erzählen Sie uns etwas über sich – Sie kommen eigentlich aus dem Gesundheitsbereich.
Ja, ich komme aus dem Bereich der öffentlichen Gesundheit, wobei mein Schwerpunkt auf Verhalten und Verhaltensänderungen liegt. Vieles von dem, was ich in Bezug auf das Klima tue, hat mit diesen Themen zu tun. Ich habe den Großteil meiner beruflichen Laufbahn in fragilen Staaten und Entwicklungsländern verbracht. Dabei habe ich eng mit Regierungen auf der ganzen Welt zusammengearbeitet und weiß, wie man in fragilen Kontexten helfen kann. Bevor ich nach Somalia kam, war ich in Nepal und habe nach dem Erdbeben Hilfe geleistet. Zum Beispiel war ich am Aufbau der nationalen Katastrophenschutzbehörde beteiligt.

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