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Pro & Contra

Für Deutschland in den Krieg?

Sollte es in Deutschland wieder eine allgemeine Wehrpflicht geben? Hier tauschen zwei junge Leute ihre Argumente aus.

21.05.2026
Für Deutschland in den Krieg?
© AdobeStock/filmbildfabrik

Léocadie Reimers
© ARX Robotics

Pro

Ohne Sicherheit kein Rechtsstaat, ohne Rechtsstaat keine Freiheit.

Léocadie Reimers arbeitet bei ARX Robotics, einem Startup im Bereich Verteidigungstechnologie. Sie ist Reservistin der Marine.

Ole Nymoen
© dpa/pa

Contra

Der Staat ist das Herrschaftsgebilde, unter das ich zufällig geboren worden bin.

Ole Nymoen ist Autor, Journalist und Podcaster. 2025 erschien sein Buch „Warum ich niemals für mein Land kämpfen würde“.

Was hat Ihre persönliche Haltung zur Wehrpflicht geprägt?

Léocadie Reimers

Ich habe nach meinem Abitur einen freiwilligen Wehrdienst geleistet und weiß, was dieser Dienst bedeutet. Gerade deshalb kann ich nur dafür sein. Der eigentliche Grund für meine Haltung liegt aber in der geopolitischen Realität: Europa befindet sich in einer veränderten Sicherheitslage, die reale Konsequenzen hat. Die Bundeswehr leidet unter erheblichem Personalmangel, Deutschland trägt Verantwortung als NATO- und EU-Mitglied, und eine Gesellschaft, die diese Verantwortung ernst nimmt, muss auch die personellen Voraussetzungen dafür schaffen. Die Wehrpflicht ist die notwendige Antwort darauf.

Ole Nymoen

Ich habe zu Beginn des Ukraine-Kriegs festgestellt, wie leichtfertig sich viele Berichterstatter äußern. Da werden Waffenlieferungen gefordert und Geländegewinne bejubelt – ausgeblendet wird, dass auf beiden Seiten Menschen sterben, die sich diesen Krieg nicht ausgesucht haben und die nur deshalb sterben, weil ihre Staaten unvereinbare Interessen haben. Ich habe mich gefragt: Was wäre, wenn Deutschland in einen Krieg gerät? Meine Befürchtung: Dann könnte es genauso aussehen wie in Russland oder der Ukraine, wo Menschen gegen ihren Willen in den Kampf geschickt werden. Zwar gibt es in Deutschland ein Recht auf Kriegsdienstverweigerung, das Verfassungsrang besitzt. Man könnte es jedoch formell erhalten und praktisch aushöhlen, etwa durch schärfere Gewissensprüfungen von Kriegsdienstverweigerern. 

Welche Rolle spielt der Staat für Sie – was darf er von seinen Bürgerinnen und Bürgern verlangen?

Léocadie Reimers

Der Staat ist kein Dienstleister, dem man sich nach Belieben entziehen kann. Er ist die rechtliche Grundlage, auf der individuelle Freiheit erst möglich wird. Wer diese Freiheit in Anspruch nimmt, trägt auch Verantwortung für die Bedingungen, die sie ermöglichen. Das ist keine bloß rechtliche, sondern eine moralische Pflicht. Der Staat darf deshalb verlangen, was zur Erhaltung dieser Grundlage notwendig ist, sofern es demokratisch legitimiert geschieht. Ohne Sicherheit kein Rechtsstaat, ohne Rechtsstaat keine Freiheit. Die Wehrpflicht ist in diesem Sinne kein Eingriff in die Freiheit – sie ist deren Schutzinstrument.

Ole Nymoen

Der Staat ist das Herrschaftsgebilde, unter das ich zufällig geboren worden bin. Ich identifiziere mich nicht mit Deutschland – und auch mit keinem anderen Staat. Die Frage, welche Rechte ich dem Staat über mich zuspreche, ist irrelevant. Der Staat gibt sich selbst qua Verfassung das Recht, junge Männer im Kriegsfall zu verpflichten. Für mich handelt es sich bei diesen individualistischen Fragen um Scheindebatten: Junge Leute sollen permanent dazu gebracht werden, darüber zu reflektieren, ob und wann sie kämpfen würden. Doch davon macht kein Staat seine Kriegstüchtigkeit abhängig.

Inwiefern ist die Wehrpflicht eine Frage der Generationengerechtigkeit?

Léocadie Reimers

Die freiheitlich-demokratische Ordnung, die wir heute genießen, wurde nicht ein für alle Mal errungen, sie muss von jeder Generation neu gewährleistet werden. Wer ihre Früchte in Anspruch nimmt, ohne zum Erhalt beizutragen, bricht einen intergenerationellen Vertrag. Ohne Wehrpflicht wird diese Last ungleich verteilt, auf Freiwillige und Verbündete. Das ist keine Gerechtigkeit. Deshalb muss eine Wehrpflicht für alle gelten, einschließlich Frauen. Und sie beschränkt sich nicht auf den Dienst an der Waffe: Sicherheit trägt sich auch durch Katastrophenschutz, Feuerwehr und medizinische Versorgung.

Ole Nymoen

Ich kann mit den oftmals beschworenen Generationenkonflikten wenig anfangen. Es ist falsch, Jung und Alt gegeneinander auszuspielen. Das passiert bereits bei der Rente, nun also auch bei der Wehrpflicht? Ohne mich! Alle Generationen sollten das Interesse teilen, dass kein Krieg ausbricht. Ich frage mich, ob alle Bundesbürger den Ernst der Lage verstanden haben. Deutsche Politiker und Meinungsmacher warnen vor einem Krieg, der bereits 2029 ausbrechen könnte, womöglich im Baltikum. Hierfür sollen junge Leute potenziell herangezogen werden. Wer da argumentiert, eine Wehrpflicht sei eine gute Sache – frei nach dem Motto ‚Uns hat’s auch nicht geschadet!‘–, dem möchte ich eines in Erinnerung rufen: Es geht um eure Enkel!

Welches Argument der Gegenseite finden Sie am stärksten – und warum überzeugt es Sie trotzdem nicht?

Léocadie Reimers

Das stärkste Gegenargument ist kein pragmatisches, sondern ein moralisches: Krieg ist per se falsch, und kein Staat kann das Recht begründen, einen Menschen in den Tod zu schicken. Dieser Gedanke verdient Respekt. Er scheitert jedoch an einer entscheidenden Prämisse: dass alle Akteure denselben moralischen Maßstab teilen. Das ist empirisch falsch. Ein Staat, der auf Verteidigung verzichtet, während andere es nicht tun, handelt fahrlässig gegenüber denjenigen, die er schützen soll. Pazifismus ist zudem nur dort als politische Position artikulierbar, wo bereits Sicherheit herrscht, also dort, wo sich eine Demokratie verteidigt hat.

Ole Nymoen

Das stärkste Argument der Gegenseite ist, dass viele Freiheiten in Deutschland großzügiger gewährt werden als woanders – beispielsweise die Meinungsfreiheit und die Bewegungsfreiheit. Jedoch werden diese Rechte im Kriegsfall drastisch eingeschränkt und erst dann wieder vollständig gewährt, wenn der Krieg vorbei ist. Daran kann man erkennen: Diese Freiheiten sind für den Staat kein Wert, kein unhintergehbarer Selbstzweck, wie oft behauptet wird – er gewährt sie je nachdem, ob sie ihm nutzen oder nicht.