100 Ideen für den Frieden

Kriege nicht vergessen, um Frieden zu wahren – 100 Jahre nach dem Ersten Weltkrieg gestalten Jugendliche eine lebendige Erinnerungskultur.

Afua Hirsch bei „Youth for Peace“ 2018 in Berlin
Journalistin Afua Hirsch: Nationale Narrative hinterfragen. Jennifer von Sanchez / vonZynski.com

Die junge Französin Lea lebt mit ihrer Familie in einem kleinen Dorf in der Nähe von Verdun, nur einen Kilometer vom Schlachtfeld des Ersten Weltkriegs entfernt. Obwohl sie in Frieden lebt, ist der Krieg immer präsent für sie, eingeschrieben in die zerklüftete Landschaft des historischen Kriegsschauplatzes. Taras aus der Ukraine kannte Kriege lange nur aus Geschichtsbüchern – heute erlebt er ihn ganz real vor der eigenen Haustür. Für die junge Russin Dasha ist Krieg ein alles verschlingendes Schwarz, wie das Schwarz im berühmten „schwarzen Quadrat“ des Malers Kasimir Malewitsch.

Die junge Generation hält die Erinnerung wach

Mit den Geschichten Lea, Taras und Dasha in einer einführenden Videoinstallation startete am 14. November das Projekt „Youth for Peace – 100 Jahre Ende Erster Weltkrieg, 100 Ideen für den Frieden“ in Berlin. Deutsch-Französische Jugendwerk (DFJW) hatte 500 Jugendliche zwischen 15 und 22 Jahren aus 48 Ländern eingeladen, um bei einem Workshop Ideen zu Erinnerungskultur und Friedensarbeit zu entwickeln.

In den Bolle Festsälen in Moabit waren dann fast 800 Jugendliche versammelt, denn hinzu kamen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des EUSTORY-Events der Körber-Stiftung, das zeitgleich stattfindet. EUSTORY ist ein Netzwerk von über 20 zivilgesellschaftlichen nationalen Schülergeschichtswettbewerben in Europa. Einmal im Jahr werden die 16- bis 25-Jährige Preisträgerinnen und Preisträger zu einem Treffen nach Berlin eingeladen.

Ein offener Umgang mit der eigenen Geschichte ist eine Voraussetzung für eine funktionierende Demokratie.

Thomas Paulsen, Vorstandsmitglied der Körber-Stiftung

„Wie können wir Frieden in Europa wahren?“

„Wie können wir den Frieden in und um Europa wahren und wie können wir ihn dort wiederherstellen, wo es ihn nicht mehr gibt?“ So formulierte Andreas Michaelis, Staatssekretär im Auswärtigen Amt, die beiden Leitfragen der Projekte in seiner Eröffnungsrede. Er appellierte an die Jugendlichen, die Chance zum Austausch zu nutzen und wahrzunehmen, wie divers die Erinnerungskultur nach wie vor ist. „1918 ist eine Chiffre, unter der jeder hier im Raum etwas anderes versteht.“ Auch für Béatrice Angrand, Generalsekretärin des Deutsch-Französischen Jugendwerks (DFJW), ist es gerade die Multiperspektivität, die das Programm „Youth for Peace“ auszeichnet und so wertvoll macht im Hinblick auf die aktuellen Herausforderungen für Europa.

Erinnern allein reicht nicht, betonte Thomas Paulsen, Mitglied des Vorstandes der Körber-Stiftung. Der Blick zurück müsse immer auch damit verbunden sein, konstruktiv in die Zukunft zu blicken. Darüber hinaus sei eine Sensibilität für historische Narrative auch deshalb so wertvoll, weil man an ihnen sehr gut ablesen könne, wie offen und liberal eine Gesellschaft im Kern sei. „Ein offener Umgang mit der eigenen Geschichte ist eine wichtige Voraussetzung für eine funktionierende Demokratie.“ Daniela Schily, Generalsekretärin des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge, ergänzte: „Die Erinnerung ist ein Instrument, um Zukunft zu gestalten.“ Der Verein unterstützt Youth for Peace als Partner.

Warum eine gemeinsame Erinnerungskultur schwierig ist

Wie groß die Macht historischer Narrative nach wie vor ist, wie sie entstehen und wie man am besten mit ihnen umgeht, das war das Thema einer Podiumsdiskussion, die die britische Journalistin Afua Hirsch mit einer Keynote einleitete: „Wir sollten uns immer bewusst machen, dass Narrative, besonders solche, in denen es um die Identität von Nationen geht, Konstruktionen sind“, so Hirsch. Die Aufgabe der Gesellschaft sei es, diese zu hinterfragen.

Hoffnungsvoll stimmte ein Kommentar des ehemalige französische Premierminister Jean-Marc Ayrault. Er verwies auf die Versöhnung der beiden ehemaligen Kriegsfeinde Deutschland und Frankreich als Beispiel für eine positive Entwicklung trotz aller historischer Differenzen. Diese Differenzen, so der Punkt des Historikers Sönke Neitzel von der Universität Potsdam, müsse man auch gar nicht zwanghaft überwinden. „Auch wenn es vielleicht nicht gelingt, eine gemeinsame europäische Erinnerungskultur zu etablieren, wäre schon viel damit gewonnen, sich in andere Narrative hineinversetzen zu können.“

Gelegenheit dazu haben die Teilnehmer von „Youth for Peace“. Eine Auswahl ihrer Präsentationen wird der Abschlussveranstaltung am 18. November zu sehen sein – in Anwesenheit des deutschen Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier und des französischen Präsidenten Emmanuel Macron.

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