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Karneval: Der organisierte Ausnahmezustand

Wolf ZinnWolf Zinn , 06.02.2026
Schnitzel & Smalltalk
© AdobeStock/Fazit

Ein gängiges Vorurteil besagt, dass die Deutschen eher humorlos seien. Selbst bei lockeren Scherzen im Smalltalk prüft der Deutsche angeblich zunächst, ob „Heiterkeit“ überhaupt auf der Tagesordnung steht. Deutscher Humor hätte demnach – wie ein Amtsschalter – nur begrenzte Öffnungszeiten. Karneval aber ist die offiziell genehmigte Phase des kontrollierten Ausnahmezustands. Die „fünfte Jahreszeit“ beginnt in Deutschland – natürlich – zu einem exakten Zeitpunkt: Am 11.11. um 11:11 Uhr.  

Nach dem euphorischen Auftakt herrscht aber erstmal wochenlange Ruhe vor dem Sturm. Hinter den Kulissen wird emsig geprobt und vorbereitet. Ab Januar starten dann die feucht-fröhlichen Karnevalssitzungen: Viel Glitzer, mehr oder weniger originelle Kostüme, zum Mitsingen und -schunkeln anregende Lieder, Gardetanz und – ja, tatsächlich – Humor. Dafür zuständig sind sogenannte Büttenreden, die Kabarett mit Reim- und Dialektzwang verbinden. Jeder Pointe folgt ein Tusch, damit sie auch der letzte mitbekommt. Seine ekstatische Begeisterung bekundet das Narrenvolk mit regional spezifischen, strikt einzuhaltenden Codes wie „Helau“, „Alaaf“ oder „Narri-Narro“.  

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Ungefähr Mitte Februar gipfelt der Karneval schließlich in den „tollen Tagen“. An Weiberfastnacht, dem Donnerstag vor Rosenmontag, übernehmen Frauen symbolisch die Macht und schneiden den Männern die Krawatten ab – die allerdings immer seltener zu finden sind. Außerdem erobern die Narren das jeweilige Rathaus und bekommen vom kapitulierenden Bürgermeister den Stadtschlüssel überreicht.

In vielen Regionen findet die organisierte Enthemmung am Rosenmontag ihren absoluten Höhepunkt: große Umzüge, Konfetti und Mottowagen mit riesigen Papp-Figuren, die Politik so keulenartig kommentieren, dass selbst Autokraten den Witz verstehen. Jedenfalls meistens. Russland allerdings hat den Düsseldorfer Wagenbauer Jacques Tilly wegen satirischer Darstellungen von Wladimir Putin verklagt.

Dann kommt der Aschermittwoch – und alles ist vorbei. Der Humor wird ordnungsgemäß bis zur nächsten Karnevalssaison eingelagert. Die gute Nachricht lautet: Die Deutschen sind nicht prinzipiell humorlos. Sie verstehen Humor nur als präzise abgestimmte Kulturtechnik mit vorgegebenen Betriebszeiten.