Wenn ein Stück Stoff zur Heimat wird
Kulturwissenschaftlerin Simone Egger erklärt, warum Tracht in Deutschland weit mehr ist als ein Klischee und weshalb sie für junge Menschen wieder Identität stiftet.
Frau Egger, viele verbinden deutsche Trachten mit Dirndl und Lederhosen. Wird dabei übersehen, wie vielfältig Trachten tatsächlich sind?
Ja, die Trachtenkultur ist deutlich vielfältiger. Die bayerischen Trachten dominieren zwar die Wahrnehmung, auch weil das Oktoberfest medial so stark beachtet wird. Der große Trachten- und Schützenzug in München zeigt jedoch jedes Jahr eine enorme Bandbreite historischer Kostüme aus ganz Europa. Zu hohen christlichen Feiertagen wurde in allen Teilen der heutigen Bundesrepublik mit wertvollen Stoffen wie Samt und Seide, mit übereinandergelegten Röcken, Krönchen und Hauben gearbeitet. Trachten nach Vorbildern aus dem 18. oder 19. Jahrhundert werden meist von Vereinen gepflegt, modernere Versionen sind auch bei Feierlichkeiten präsent. Zum Zuckerfest tragen auch Muslime in Deutschland Gewänder mit historischen Anleihen.
Seit einigen Jahren tragen wieder jüngere Menschen zu festlichen Anlässen Tracht. Wie kam’s?
Das hat sich Anfang der Nullerjahre gewandelt. Junge Menschen entwickelten plötzlich einen spielerischen Umgang mit Traditionen, politische Zuschreibungen verloren an Bedeutung. Gleichzeitig zeigt sich eine zunehmende Begeisterung für Vintage und regionale Identität. Dirndl und Lederhosen werden heute auch jenseits von Bayern zu bestimmten Anlässen getragen und stehen vielerorts für Sinnstiftung und Verortung.
Treiben soziale Medien den Trend zur Tracht?
Wir leben in einer Zeit der Bilder, da eignet sich Folklore hervorragend als Motiv. Gerade in den sozialen Medien geht es darum, das Eigene, Besondere in Szene zu setzen und dabei anschlussfähig an globale Trends zu bleiben. Sich zugehörig fühlen und sich verorten zu können, ist wesentlich. Tracht lässt sich schnell an- und wieder ausziehen, sie ist flexibel einsetzbar und funktioniert als Symbol.
Wofür steht Tracht im Deutschland des 21. Jahrhunderts?
Tracht ist ein Medium der Kommunikation. In der flüchtigen Moderne besteht die Herausforderung darin, dass sich Menschen aus unterschiedlichen Milieus immer seltener begegnen, auch weil wir digitaler leben. Trachten können ein Anlass sein, sich zu begegnen und sich mit der eigenen Geschichte zu beschäftigen. Sie stehen auch für Gemeinschaft, für gute Laune und für etwas Lustvolles.
Zur Person: Simone Egger
Kulturwissenschaftlerin Simone Egger, Jahrgang 1979, ist Juniorprofessorin für Kulturanthropologie und lehrt an der Universität des Saarlandes. Ihre Magisterarbeit von 2008 ist als Buch unter dem Titel „Phänomen Wiesntracht“ erschienen.