Zusammenarbeit statt Abgrenzung

Nach Corona: Tamara Or vom Deutsch-Israelischen Zukunftsforum über Chancen und Herausforderungen für die bilateralen Beziehungen.

Tamara Or: Globale Herausforderungen können wir nur global lösen.
Tamara Or: Globale Herausforderungen können wir nur global lösen. Ruthe Zuntz Online

Die Corona-Krise ist für Tamara Or, Geschäftsführende Vorständin des Deutsch-Israelischen Zukunftsforums (DIZF), Katalysator und Lupe zugleich. Sie beschleunigt Entwicklungen und zeigt aber auch, was schon vorher nicht gut war. Or sieht in der Krise Chancen für eine noch engere Zusammenarbeit zwischen Deutschland und Israel – und für eine bessere Zukunft.

Frau Or, wenn wir heute schon Mai 2021 hätten – wie hätten sich die bilateralen Beziehungen zwischen Deutschland und Israel verändert?

Wie unsere Welt in einem Jahr aussehen wird, hängt maßgeblich davon ab, wie wir uns jetzt verhalten. Die Zukunft wird in der Gegenwart gestaltet. Die deutsch-israelischen Beziehungen sind vor dem Hintergrund der Shoah und der NS-Diktatur eine beeindruckende Erfolgsgeschichte. Wir standen aber bereits vor Ausbruch der Pandemie an einem Wendepunkt. Deutschland und Israel sind sich in grundlegenden Positionen der Außen- und Sicherheitspolitik zunehmend uneinig. Gleichzeitig gibt es aber nach wie vor sehr viel Verbindendes zwischen beiden Ländern. Um die Beziehungen erfolgreich in die Zukunft zu tragen, müssen wir die Zusammenarbeit neu denken. Die deutsch-israelischen Beziehungen finden heute nicht in einer schillernden bilateralen Blase statt, sondern spiegeln bei all ihren Spezifika auch größere globale Tendenzen und Fragestellungen wider. Die Pandemie hat dabei eine Lupenfunktion. Sie macht gesellschaftliche und politische Risse sichtbar, die bereits vorher vorhanden waren.

Globale Herausforderung lassen sich auch nur global lösen – das zeigt die Pandemie gerade wieder.

Dr. Tamara Or, Geschäftsführende Vorständin des DIZF

Sehen Sie in der Corona-Krise auch eine Chance?

Krisen sind Katalysatoren. Sie beschleunigen Entwicklungen, die sich vorher bereits abgezeichnet haben. Die Frage ist nun, welche Entwicklungen sich im Schatten der Pandemie verstärken. Leider befördern Krisen häufig das Bedürfnis nach Rückzug. Einigeln und Abgrenzen scheinen erst einmal Sicherheit und Schutz zu versprechen. Die Mauern, die wir errichten, sperren uns aber in erster Linie selbst ein und beschränken unsere Handlungsspielräume. Globale Herausforderung lassen sich eben auch nur global lösen – das zeigt die Pandemie gerade wieder.

Werden wir nach der Corona-Krise also andere globale Probleme wie den Klimawandel auch gemeinsam angehen?

Das kann ich nur hoffen. Der Klimawandel, Flucht und Migration, Terrorismus und Sicherheitspolitik – alles Themen, die von keiner wissenschaftlichen Disziplin und von keinem Staat der Welt allein gelöst werden können. Für die Propheten des Nationalen mag es eine schlechte Nachricht sein, dass wir unsere Probleme nur im Verbund mit anderen Staaten lösen werden. Ich sehe darin eine großartige Botschaft: Wir sind mit unseren Herausforderungen nicht alleine. Es kann und wird uns gemeinsam gelingen, Innovationen auf den Weg zu bringen und Lösungsansätze zu entwickeln.

Wie verändert die Corona-Krise Ihre Arbeit?

Innerhalb weniger Wochen denken wir im Deutsch-Israelischen Zukunftsforum viel digitaler als noch vor drei Monaten. Hier hilft uns die Krise, neue Möglichkeiten zu entdecken. Seit 2019 bilden wir zum Beispiel in sogenannten Matchmaker-Seminaren junge Berufstätige in beiden Ländern darin aus, deutsch-israelische Kooperationsprojekte zu initiieren oder andere in der Umsetzung zu beraten. Die Matchmaker waren vor der Krise nur einem relativ kleinen Kreis ein Begriff. Mit den digitalen Formaten erreichen wir jetzt auf einmal Tausende junge Menschen.

Gleichzeitig stehen wir vor neuen Herausforderungen. Wir sind die einzige bilaterale Stiftung, die die deutsch-israelischen Beziehungen vor allem im Kontext der Demokratieförderung in beiden Ländern gestaltet. Unsere Zielgruppe sind junge Fach- und Führungskräfte. Viele von ihnen engagieren sich in zivilgesellschaftlichen Organisationen, die schon vor der Pandemie unterfinanziert waren. Gerade jetzt braucht es dringend Unterstützung für die vielen Ehrenamtlichen sowie Freiberuflerinnen und Freiberufler, von deren Engagement und Gestaltungswillen wir alle abhängen.

Gibt es von Ihnen geförderte Projekte, die gerade so aktuell und notwendig wie nie sind?

Wir wollen im Zukunftsforum die deutsch-israelischen Beziehungen in die Zukunft tragen, indem wir die globale Perspektive stärker ins Zentrum unserer Projekte stellen. In diesem Sinne diskutieren wir gerade, wie wir als Stiftung noch besser zur Umsetzung der UN-Nachhaltigkeitsziele beitragen können. Ich bin davon überzeugt, dass deutsch-israelische Kooperationen einen besonders gelungenen Beitrag zur Erreichung der Ziele der Agenda 2030 leisten können – das gilt für Wissenschaftskooperationen genauso wie für unsere Arbeit mit zivilgesellschaftlichen Initiativen in beiden Ländern.

Könnte es nach der Krise einen Trend zur Abgrenzung geben, der Ihre Arbeit und die gemeinsamen Ideale gefährdet?

Diese Trends sind schon längst da und leider auch sehr stark. Es liegt jetzt an uns. Wir müssen das Risiko erkennen, das in den Beschleunigungseffekten der Pandemie liegt und die Chance ergreifen, uns gestaltend an die Spitze der Veränderungen zu setzen. Dann werden wir im Mai 2021 den 56. Jahrestag der deutsch-israelischen Beziehungen in dem Bewusstsein feiern, dass wir in beiden Ländern weiterhin auf einem guten Weg in eine demokratische Zukunft sind.

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