„Weniger und dafür längere Reisen“

Wie nachhaltiges Reisen gelingt und was die Corona-Pandemie verändert hat, erklärt Nachhaltigkeitsexperte Wolfgang Strasdas.

Hängeseilbrücke „Geierlay“ im Hunsrück
Hängeseilbrücke „Geierlay“ im Hunsrück Adobe Stock

Herr Professor Strasdas, welchen Einfluss hatte die Corona-Pandemie auf den Tourismus?
Die Natur hat sich in Teilen erholt, das konnte man während der Lockdowns beobachten. Aber Tourismus in Schutzgebieten hat in vielen Ländern auch positive Wirkungen: Für Großwild in afrikanischen Nationalparks ist Tourismus die beste Nutzungsform, weil es den lebenden Tieren einen ökonomischen Wert gibt. Während der Pandemie wurde wieder mehr gewildert. Over-Tourism wurde hingegen in Ländern wie Deutschland wegen des verstärkten Binnentourismus‘ zum Problem, vor allem in Naturgebieten in der Nähe von Großstädten. Ansonsten scheint es jetzt vielerorts fast wie vor der Pandemie zu sein. Die Menschen haben verständlicherweise ein Nachholbedürfnis.

Wolfgang Strasdas forscht im Nachhaltigen Tourismus.
Wolfgang Strasdas forscht im Nachhaltigen Tourismus. Wolfgang Strasdas

Also hat die Pandemie uns nicht wachgerüttelt, künftig nachhaltiger zu reisen?
Ein höheres Bewusstsein in Bezug auf Nachhaltigkeit ist auf jeden Fall zu beobachten. Für Tourismusunternehmen steht aber erst einmal im Vordergrund, die Verluste der Pandemie auszugleichen. Eine strategische Nachhaltigkeitsausrichtung wird derzeit auch überlagert von den vielen Knappheiten, die im Zuge des Krieges in der Ukraine aufgetreten sind. Ressourcen werden eher unfreiwillig eingespart. Bei den Touristinnen und Touristen sieht es ähnlich aus: Viele finden Nachhaltigkeit zwar wichtig, wollen aber auch wieder ohne Einschränkungen reisen. Wenn dennoch Zurückhaltung geübt wird, dann eher, weil viele ihr Geld gerade zusammenhalten. Schöner wäre es natürlich, wenn ein Umdenken aus Einsicht erfolgt und nicht von Krisen erzwungen ist.

Wie sollten Touristen aus Ihrer Sicht künftig reisen?
Die Krisen machen deutlich, dass die Menschen aus den westlichen Industrieländern ihr Konsummuster, was häufige und billige Urlaubsreisen angeht, überdenken müssen. Daten zeigen, dass die durchschnittliche Reisedauer weltweit immer weiter gesunken ist. Das führt dazu, dass es mehr Verkehrsbewegungen durch den Tourismus gibt und Reisen stressiger geworden ist. Ich denke, man sollte zu einem alten Reisemuster mit weniger und dafür längeren Reisen zurückkehren. Das ist etwas, was in der Nachhaltigkeitsdiskussion schon seit Jahrzehnten gefordert wird und nun möglicherweise durch die steigenden Energiepreise erzwungen wird.

 


Professor Dr. Wolfgang Strasdas leitet das Zentrum für Nachhaltigen Tourismus in Eberswalde.

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