„Jede Krise geht uns etwas an“

Deutschland engagiert sich stark in Krisenregionen. Welche Themen dabei besonders im Fokus stehen, erläutert Ekkehard Brose, Beauftragter für zivile Krisenprävention und Stabilisierung im Auswärtigen Amt.

Ekkehard Brose bei der Geberkonferenz für Irak
Ekkehard Brose bei der Geberkonferenz für Irak dpa

Herr Brose, welche Aufgaben hat Ihr Arbeitsbereich?

Außenpolitik muss heute mehr sein als das, was man vielleicht früher unter „klassischer“ Diplomatie verstanden hat. Das deutsche Engagement in Afghanistan hat uns schon früh gezeigt, dass wir die politische Arbeit durch konkrete Projekte im Land unterstützen müssen. Wir nennen das „Außenpolitik mit Mitteln“.

Damit meinen Sie aber nicht Humanitäre Hilfe, richtig?

Nein, Humanitäre Hilfe gehört schon seit 50 Jahren fest zu den Aufgaben des Auswärtigen Amtes in Krisenregionen. Vergleichsweise neu ist, dass wir uns auch über stabilisierende Projektarbeit in Krisenregionen direkt engagieren, zum Beispiel über Mediation, Unterstützung von Sicherheitssektorreform oder die Förderung rechtsstaatlicher Strukturen. Wir haben dafür 2015 die Kompetenzen gebündelt und eine neue Abteilung im Auswärtigen Amt geschaffen.

Ekkehard Brose
Ekkehard Brose, Beauftragter für zivile Krisenprävention und Stabilisierung im Auswärtigen Amt
Auswärtiges Amt

Auch in Reaktion auf die Krise in Syrien und die hohen Flüchtlingszahlen in Deutschland?

Es wäre falsch, unseren Ansatz auf die Minderung von Fluchtursachen zu reduzieren. In einer globalisierten Welt, so vielleicht die Grundeinsicht aus den Ereignissen von 2015, geht uns jede Krise etwas an. Unser Schicksal ist vielfältig mit dem der restlichen Welt verknüpft, im Hinblick auf transnationale Bedrohungen wie Terrorismus oder Umweltereignisse, wirtschaftlich, kulturell und politisch.

Letztlich geht es darum, noch mehr als bisher Verantwortung für ordnende Strukturen in der Welt zu übernehmen. Das kann nur gelingen in einem vernetzten, multilateralen Ansatz.

Sind denn Humanitäre Hilfe und Stabilisierung überhaupt so klar voneinander abzugrenzen?

Grundsätzlich ja. Humanitäre Hilfe folgt Bedarfen, etwa dem Mangel an Nahrung oder Wasser. Strategische politische Überlegungen spielen in dieser Phase eigentlich keine Rolle, oberste Priorität ist es, Menschenleben zu retten. Stabilisierung dagegen richtet sich immer nach politischen Kriterien, also zum Beispiel nach der Frage: Wie kann ich eine legitime Regierung dabei unterstützen, in einem vom Krieg versehrten und terroristisch bedrohten Land wieder Halt zu gewinnen.

Sie haben eine solche Situation im Irak ja selbst erlebt, Sie waren dort von 2014 bis 2016 als Botschafter tätig.

Der Irak ist in der Tat ein Musterbeispiel für Stabilisierungspolitik in dem oben beschriebenen Sinne. Nach der Befreiung von Gebieten unter Herrschaft des IS ging es darum, den Menschen das Gefühl zu geben, wieder sicher in ihren Wohnungen zu sein und den öffentlichen Raum ohne Angst betreten zu können. Im Irak hat sich gezeigt, wie wichtig es zum Beispiel ist, eine ehemals umkämpfte Stadt zunächst von Minen zu säubern, bevor man überhaupt über weiterführende stabilisierende und entwicklungspolitische Maßnahmen nachdenken kann. Ebenso zentral ist die Präsenz lokaler Polizei zur Schaffung von Sicherheit und Vertrauen. Deshalb unterstützen wir als Auswärtiges Amt Minenräumprogramme und Polizeiaufbau im Irak, aber auch in vielen anderen Regionen weltweit. Inzwischen sind mehr als vier von sechs Millionen Binnenvertriebenen im Irak wieder in ihre Heimatorte zurückgekehrt. Ein beachtlicher Erfolg.

Ein weiteres relativ neues Handlungsfeld ist das Thema Klima und Sicherheit. Geht es hier um die Effekte des Klimawandels?

Ja, und es geht konkret darum, die Effekte des Klimawandels mit unserem Engagement in den Bereichen Humanitäre Hilfe und Stabilisierung zusammenzudenken. Ein gutes Beispiel dafür ist das Tschadseebecken in Westafrika, eine der krisengeplagtesten Regionen der Welt. Der Klimawandel wirkt hier als zusätzlicher Konfliktverstärker. Wir sehen es als unsere Aufgabe, auch in Zusammenarbeit mit Partnern vor Ort, solche Zusammenhänge besser zu verstehen und stabilisierungspolitisch zu berücksichtigen. In diesem Sinne wird Deutschland auch seine Mitgliedschaft im UN-Sicherheitsrat nutzen.

Interview: Klaus Lüber

Ekkehard Brose ist Beauftragter für zivile Krisenprävention und Stabilisierung im Auswärtigen Amt. Unter @AA_stabilisiert berichtet er auf Twitter über aktuelle Projekte des Auswärtigen Amts in den Bereichen Krisenprävention, Stabilisierung, Konfliktnachsorge und Humanitäre Hilfe.

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