„New Work ist mehr als neue Möbel“

Markus Väth, Vordenker der New Work-Bewegung, im Interview über die Treiber der Entwicklung und den eigentlichen Sinn der Bewegung

Markus Väth treibt die Transformation der Arbeitswelt voran.
Markus Väth treibt die Transformation der Arbeitswelt voran. Stefan Fuchs

„New Work“ geht auf den Sozialphilosophen Frithjof Bergmann zurück, der in den 1980er-Jahren ein Gegenmodell zu Sozialismus und Kapitalismus entwickeln wollte. Markus Väth gilt als einer der führenden Köpfe der New Work-Bewegung in Deutschland. Er ist Verfasser der New Work Charta und Lehrbeauftragter für New Work und Organisationsentwicklung an der Technischen Hochschule Nürnberg.

Herr Väth, „New Work“ ist ein Megatrend. Was bedeutet „Neues Arbeiten“?
New Work drückt sich in der Verwirklichung von fünf Arbeitsprinzipien aus: Freiheit, Selbstverantwortung, Sinnvolle Arbeit, Entwicklung und Soziale Verantwortung. Getrieben werden diese Prinzipien von den „Drei D“: Digitalisierung, Demokratisierung und Dezentralisierung. Man darf aber nicht vergessen, dass New Work ursprünglich eine Sozialutopie war. New Work nur als Organisationsentwicklung zu begreifen, greift viel zu kurz. Menschen brauchen Arbeit, die sie „wirklich, wirklich wollen“, die ihren Stärken und Bedürfnissen entspricht. Nur dann funktioniert New Work auch in einer Organisation.

New Work ist ein weiter Begriff mit vielen Ausformungen. Wie weit ist das „Neue Arbeiten“ in Deutschland verbreitet?
Interessanterweise scheint New Work als Begriff vor allem ein Phänomen in deutschsprachigen Ländern zu sein. Das Grundlagenwerk von Frithjof Bergmann beispielsweise wurde erst 2019 vom deutschen Original ins Englische übersetzt. Andere Länder wie zum Beispiel die Niederlande oder Dänemark verwirklichen auch hochmoderne Konzepte, nennen das aber nicht explizit New Work. In Deutschland selbst sehen wir einige sinnvolle Unternehmensansätze. Das reicht von großen deutschen Versandhäusern bis zu kleinen Mittelständlern und sogar Handwerksbetrieben, die versuchen, die fünf New-Work-Prinzipien umzusetzen. Insgesamt stehen wir aber noch am Anfang – wenn man den Anspruch erhebt, dass New Work mehr ist als Homeoffice und neue Büromöbel. 

Ein zentraler Punkt scheint die Sinnfrage zu sein. Vor allem jüngere Menschen wollen mehr als nur Geld verdienen. Wie muss man sich das in Unternehmen vorstellen?
Ich glaube, wir überschätzen das Sinnmotiv junger Menschen. Die sind zum großen Teil sehr pragmatisch unterwegs und wollen wie die Generationen vor ihnen vor allem gutes Geld verdienen, einen sicheren Job und eine ausgewogene Work-Life-Balance. Das hat beispielsweise die Shell-Jugendstudie von 2019 gezeigt. Ja, Dinge wie Klimaschutz und Stakeholder Value werden immer wichtiger, aber Fridays for Future steht nicht für eine ganze Generation. Das haben die Bundestagswahlen gezeigt, wo die FDP zusammen mit den Grünen bei den Erstwählern stärkste Kraft wurde.

In den Konzepten ist von „Remote“ und „Purpose“, Freiheit und Sinn die Rede, hehre Begriffe für zum Beispiel Fabrikarbeiter in Bangladesch. Ist New Work nur für westliche Wissensarbeiter machbar?
Prinzipien wie Freiheit und Selbstverantwortung sind universell. Der New-Work-Begründer Frithjof Bergmann arbeitete in den 1980ern als erstes mit Arbeitslosen und straffällig gewordenen Jugendlichen. Daher braucht auch der Fabrikarbeiter in Bangladesch New Work, selbstverständlich. Und wir sollten alles daransetzen, New Work aus unserer beschränkten Office-Blase herauszuholen. New Work ist in erster Linie eben keine Organisationsentwicklung, sondern ein Programm zur Humanisierung der Arbeitswelt. Und die sollte überall stattfinden.

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