Warum Berlin Kippa trägt

In Berlin und anderen Städten Deutschlands haben Menschen ein klares Zeichen gegen Antisemitismus gesetzt. Wir erklären die Hintergründe.

Berlin trägt Kippa: Die Kippa als Symbol der Solidarität mit jüdischen Mitbürgern.
Die Kippa als Symbol der Solidarität mit jüdischen Mitbürgern. dpa

Deutschland. Aus Solidarität mit jüdischen Mitbürgern und aus Protest gegen Antisemitismus haben sich am 25. April viele Menschen in Deutschland eine Kippa aufgesetzt, die kleine runde Kopfbedeckung orthodoxer Juden. Auslöser sind antisemitische Straftaten wie zuletzt der Angriff eines jungen Syrers auf zwei Kippa-tragende Israelis in Berlin.

Unter dem Motto „Berlin trägt Kippa“ hatte die Jüdische Gemeinde zu Berlin zu einer Kundgebung gegen Antisemitismus vor dem Jüdischen Gemeindehaus in Charlottenburg aufgerufen. Juden und Nicht-Juden versammelten sich unter anderem in Berlin, Köln, Erfurt, Magdeburg und Potsdam zu Solidaritätskundgebungen. Der Präsident des Zentralrates der Juden, Josef Schuster, warnte davor, den Judenhass in Deutschland kleinzureden. Viele Juden hätten davor Angst, sich öffentlich zu ihrem Glauben zu bekennen.

Es reicht, betonte der Zentralratspräsident. Ein Weiter-so dürfe es nicht geben. Ein bisschen Antisemitismus, ein bisschen Rassismus, ein bisschen Islam-Feindlichkeit – ist doch alles nicht so schlimm? Doch, es ist schlimm, sagte Schuster. Deshalb fordere ich 100 Prozent Respekt. Zuvor hatte Schuster auch ein klares Wort der Muslime gegen den Antisemitismus in den eigenen Reihen verlangt.

Der Berliner Imam Kadir Sanci, der dem geplanten Lehr- und Gebetshaus von Muslimen, Christen und Juden House of One angehört, begrüßte die Solidaritätskundgebungen mit der Kippa. Den Kopf zu bedecken ist auch Teil unserer islamischen Tradition, sagte Sanci. Wir, das Judentum und der Islam, haben so viel gemeinsam, erklärte er. 

Wie häufig sind antisemitische Straftaten in Deutschland?

Deutschlandweit registrierte die Polizei 2017 rund 1.500 antisemitische Straftaten – darunter 32 Gewalttaten, 160 Sachbeschädigungen und 898 Fälle von Volksverhetzung. 2016 waren es insgesamt 1.468 Fälle; 2015 lag die Zahl mit 1366 etwas niedriger.

Allein für Berlin erfasste die dortige Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus (RIAS) 2017 947 Fälle. Sie dokumentiert aber auch Vorfälle, die keinen Straftatbestand erfüllen, zum Beispiel verletzendes Verhalten im Internet.

Was ist der Grund für den Anstieg?

Antisemitische Straftaten gingen in der Vergangenheit hauptsächlich von deutschen Rechtsextremen aus. Seit dem Zuzug von Migranten aus dem arabischen Raum in den vergangenen Jahren häufen sich Angriffe auf Juden in Deutschland. Bundeskanzlerin Angela Merkel spricht von neuen Formen des Antisemitismus. Viele Einwanderer kommen aus Herkunftsländern, in denen Vorbehalte gegenüber Juden über mehrere Generationen tief verwurzelt sind und durch den Nahostkonflikt verstärkt werden.

Wie wirkt die Bundesregierung Antisemitismus entgegen?

Im April 2018 hat die Bundesregierung den ehemaligen Diplomaten Felix Klein zum Antisemitismusbeauftragten ernannt. Er koordiniert die Maßnahmen von Bund und Ländern, Antisemitismus einzudämmen. Zudem soll er die Erfassung antisemitischer Straftaten durch die Sicherheitsbehörden verbessern.

Die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus und der Kampf gegen Antisemitismus gehört zur Staatsräson Deutschlands. Das soll auch Migranten in Integrationskursen vermittelt werden.

Wie viele Juden leben in Deutschland?

Nach Angaben des Zentralrats der Juden in Deutschland zählen die jüdischen Gemeinden derzeit etwa 100.000 Mitglieder.

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