1. Mai in Berlin: Ein Tag, fünf Wahrheiten
Am Maifeiertag gehen in Deutschland viele Menschen für Arbeitsrechte und soziale Gerechtigkeit auf die Straße. So unterschiedlich wird der Tag in Berlin erlebt.
Für die einen ist der 1. Mai ein Festtag, ein Anlass zum Protest für bessere Arbeitsbedingungen und soziale Gerechtigkeit. Für andere ist er einer der anstrengendsten Arbeitstage des Jahres. Wer an diesem Tag durch Berlin geht, erlebt Demonstrationen, Partys und punktuell auch Gewalt. Kaum ein Datum zeigt so eindrücklich, wie vielfältig Versammlungsfreiheit in Deutschland gelebt wird. Fünf Stimmen machen deutlich, wie unterschiedlich Menschen diesen Tag erleben.
Frank Werneke, Vorsitzender der Gewerkschaft verdi
„Der 1. Mai ist wichtiger denn je. Wir von der Gewerkschaft gehen gemeinsam auf die Straße und verteidigen den Sozialstaat als Grundlage für Zusammenhalt, Wohlstand und Wachstum. Angriffe wie die Abschaffung des Acht-Stunden-Tages oder Verschlechterungen bei Rente und Gesundheit weisen wir entschieden zurück. International zeigen wir Solidarität mit allen, die für bessere Arbeitsbedingungen, Frieden und demokratische Rechte kämpfen.“
Helene Scharf, Anwohnerin
„Ich lebe seit 45 Jahren in Kreuzberg nahe dem Mariannenplatz, wo die 1.-Mai-Demo startet. Früher habe ich selbst demonstriert, es war oft ein Katz-und-Maus-Spiel mit der Polizei. Auseinandersetzungen gibt es bis heute, das lässt sich kaum vermeiden. Der 1. Mai ist auch ein wichtiges Zeichen gegen Faschismus. Kreuzberg gehört an diesem Tag den jungen Menschen. Für Ältere gibt es die ruhigere Kundgebung des Deutschen Gewerkschaftsbundes am Roten Rathaus.“
Alexander Poitz, stellvertretender Bundesvorsitzender der Gewerkschaft der Polizei
„Der 1. Mai ist für uns der wichtigste Tag. Er zeigt, was Gewerkschaften erreicht haben und noch erreichen wollen. Viele Polizeikräfte erleben ihn zwiespältig: Sie sind im Einsatz und schützen die Veranstaltungen. Vor allem in Großstädten kommt es jedes Jahr zu Beleidigungen, Sachbeschädigungen und Gewalt. Einsatzkräfte werden gezielt angegriffen. Dass der 1. Mai friedlicher wirkt, liegt vor allem an intensiver Vorbereitung und hohem Personaleinsatz. Solange Polizistinnen und Polizisten verletzt werden, kann man nicht von einem friedlichen Tag sprechen.“
Serdar, Kioskbesitzer
„Der 1. Mai bedeutet für mich als Ladenbesitzer vor allem eines: vorbereiten, absichern, durchhalten. Ich bestelle mehr Ware und räume alles weg, was gestohlen oder beschädigt werden könnte. Am Tag selbst hilft mein Bruder im Laden. Tagsüber ist die Stimmung rund um die Demo angespannt, am Abend wird der Bezirk zur Party. Genau dieser Wechsel ist typisch für den Tag.“
Robin Ilibasic, Student
„Ich habe die 1.-Mai-Demo in Kreuzberg zuletzt gemieden, weil mir die Menschenmengen zu groß sind. Trotzdem bleibt der Tag wichtig für politische und soziale Themen. Das sollte aber nicht nur einmal im Jahr passieren, sondern auch im Alltag. Friedliche Demonstrationen finde ich richtig, solange es um Inhalte geht und nicht um Party oder Randale. Ich frage mich aber, wie viel solche Demos tatsächlich bewirken und ob die Politik die Forderungen umsetzt.“