„Der einzige Weg zu überleben“

Prekäre Lebensumstände, Verlust der Identität: Forscherin Kira Vinke kennt die Not von Klimamigranten aus persönlichen Gesprächen.

Kira Vinke vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK)
Kira Vinke vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) picture alliance / dpa

Frau Vinke, Sie haben unter anderem auf den Marshall-Inseln und in Bangladesch mit Menschen gesprochen, deren Lebensorte wegen des Klimawandels nicht mehr bewohnbar sind. Was wollten Sie herausfinden?

Vor allem wollte ich wissen, ob Migration eine effektive Anpassung an den Klimawandel ist. Immer mehr Forscher sagen: Die Menschen migrieren, um sich an den Klimawandel anzupassen. Allerdings verläuft diese Entwicklung eben oft nicht effektiv: Die Betroffenen verlassen fluchtartig – beispielsweise wegen eines Zyklons – ihre angestammten Gebiete und geraten in schwierige Lebensbedingungen.

Was bedeutet das zum Beispiel mit Blick auf die Marshall-Inseln?

Die Menschen von den äußeren Marshall-Inseln weichen auf die inzwischen dicht besiedelte Hauptinsel Majuro aus. Viele migrieren weiter in die USA, arbeiten dort beispielsweise in Hühnerfabriken. Diese Menschen sind sehr stark mit ihrem Land, ihrer Gemeinschaft und Sprache verbunden. Dass sie in ihrer Heimat nicht mehr leben können, bedeutet für sie eine große Tragik und einen deutlichen Identitätsverlust.

Was ergibt sich daraus?

Migration ist für diese Menschen der einzige Weg zu überleben, aber sie muss auch zu einer besseren Lebenssituation führen. Die Migranten von den Marshall-Inseln können nichts für den Klimawandel – die Industrienationen haben ihn zu verantworten. Die Frage ist deshalb, wie man es den Betroffenen ermöglichen kann, in Würde zu migrieren oder länger in ihrem Heimatort zu bleiben.

Wichtig ist mir vor allem: Was sind die Konsequenzen für den Menschen?

Kira Vinke, Forscherin am Potsdam Institut für Klimafolgenforschung

Sie sind Politikwissenschaftlerin, keine „Klimaforscherin“ im klassischen Sinne. Fehlt diese Perspektive in der Klimadebatte?

Nur aus einer einzigen Perspektive heraus kann man die großen Fragen nicht beantworten. Wichtig ist mir vor allem: Was sind die Konsequenzen für den Menschen? Ich hatte das Privileg, mit vielen Migranten aus verschiedenen Ländern zu sprechen. Das bedeutet für mich eine Verantwortung, ihre Geschichten weiterzutragen.

Kira Vinke leitet am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) eine interdisziplinäre Projektgruppe zur Klimamigration, die unter anderem in Tansania, Indien und Peru forscht. Sie ist zudem Co-Vorsitzende des Beirats für zivile Krisenprävention und Friedensförderung der Bundesregierung.

Interview: Helen Sibum

© www.deutschland.de

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