Neuer Schwung für Europas Elektromobilität
Deutschlands Automobilindustrie startet in Sachen Batteriefertigung eine ambitionierte Aufholjagd. Das Ziel: mehr Unabhängigkeit von den asiatischen Wettbewerbern.
Durch die Welt der Elektromobilität ging ein kleines Beben: Ende 2025 nahm die Volkswagen-Tochter PowerCo in Salzgitter in Niedersachsen eine sogenannte Gigafabrik in Betrieb. Erstmals werden dort nun im großen Stil batterieelektrische Einheitszellen hergestellt. „Die Gigafabrik der PowerCo in Salzgitter ist ein starkes technologisches Signal für Europa“, sagt der VW-CEO Oliver Blume. „Als erster europäischer Automobilhersteller haben wir eine eigene Entwicklung und Produktion von Batteriezellen aufgebaut.“
China ist Marktführer bei Batterien
Tatsächlich bewerten Fachleute das Projekt in Salzgitter als Meilenstein und industriepolitische Wende. Denn Europas Autobauer haben die Speichertechnik lange vernachlässigt und galten als technisch abgehängt. Seit 2017 ist der chinesische Hersteller CATL Marktführer bei Batterien für Elektroautos. Laut einer Studie des Beratungsunternehmens Deloitte stellte China 2024 rund 70 Prozent der weltweiten Batteriekapazität her, 11 Prozent entfielen auf Nordamerika und 13 Prozent auf Europa. Doch nur drei Prozent der in Europa produzierten Batterien stammten tatsächlich von europäischen Herstellern. Prognosen zufolge wird auch 2030 noch fast die Hälfte der Batterien aus China kommen. Der europäische Anteil soll demnach zwar auf 25 Prozent steigen, jedoch weiterhin überwiegend von nichteuropäischen Produzenten stammen.
Die EU fördert daher seit geraumer Zeit eigene Batteriehersteller, bislang jedoch mit überschaubarem Erfolg. Viele Vorhaben liegen auf Eis oder rechnen sich nicht. „In den vergangenen Jahren ist ein Großteil der Batterieprojekte in Europa gescheitert, etwa wegen des fehlenden Zugangs zu kritischen Rohstoffen, hoher Kapitalanforderungen, betrieblicher Ineffizienzen und eines schleppenden Hochlaufs der Elektromobilität“, sagt Harald Proff von Deloitte. „Wenn europäische Unternehmen bei der Batterieproduktion nicht massiv aufholen, zahlen sie einen hohen Preis.“ Denn die Batterie als teuerste Komponente eines Fahrzeugs entscheidet über Leistung, Preis und letztlich über die Wettbewerbsfähigkeit der gesamten europäischen Autoindustrie.
Einheitszelle für E-Autos weltweit
Mittlerweile haben die europäischen Autohersteller viele Konzepte entwickelt, um eigene Ökosysteme rund um die Fertigung aufzubauen. Volkswagen geht nun einen besonderen Weg und setzt auf Gigafabriken – der Anlage in Salzgitter sollen in Kürze zwei weitere folgen – sowie auf eine Einheitszelle. Diese basiert auf einer Standardarchitektur und kann weltweit in allen Modellen eingesetzt werden, was die Kosten der Fahrzeuge deutlich senken soll. Zudem ist die Einheitszelle für alle derzeit diskutierten chemischen Akku-Verfahren ausgelegt.
In der Branche wächst der Optimismus, dass Europa bei der Zellfertigung und im ganzen Ökosystem die Trendwende schaffen kann. „Die Bemühungen, Materialkreisläufe zu schließen und die heimische Versorgung zu sichern, haben eine neue Investitionswelle ausgelöst“, sagt Ciara Cook vom britischen Thinktank New Automotive. Hinzu kommt, dass die EU-Kommission einen „Battery Booster“ angekündigt hat, mit dem 1,8 Milliarden Euro für mehr Unabhängigkeit von chinesischen Produkten und eine stärkere Diversifizierung der Lieferketten bereitgestellt werden sollen. Weitere Mittel könnten im neuen EU-Haushalt folgen.
Auch an anderer Stelle könnte Deutschland verlorenen Boden gutmachen – in der Forschung. In Münster ist es der „Fraunhofer-Einrichtung Forschungsfertigung Batteriezelle FFB PreFab“ gelungen, die erste Lithium-Ionen-Batteriezelle mit rein europäischer Anlagentechnik zu produzieren. 750 Millionen Euro investierte der Bund in den Aufbau, Nordrhein-Westfalen steuerte weitere 320 Millionen Euro bei. „Die Batterie ist unabdingbar für klimaneutrale Mobilität und Energieerzeugung. Die erste Batteriezelle aus der FFB PreFab markiert daher einen entscheidenden Meilenstein für ‚Batterien made in Germany‘“, sagt die deutsche Forschungsministerin Dorothee Bär.
Der Markt für E-Autos springt wieder an
Grundsätzlich gelten die Herstellungsverfahren als technisch komplex, doch Europas Maschinen- und Anlagenbauer verfügen durchaus über das notwendige Know-how, um den gesamten Prozess der Batteriezellfertigung abzudecken, meint Sarah Michaelis vom Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA). „Jetzt braucht es Kundenaufträge und politische Rückendeckung, um eine wettbewerbsfähige Wertschöpfung dauerhaft zu sichern.“
Diese Rückendeckung erhielt PowerCo: Planung, Genehmigung und Realisierung gelangen in beachtlichem Tempo; in nur drei Jahren entstand ein neues Unternehmen, das ein wettbewerbsfähiges Produkt entwickelte und eine komplette Zellfabrik einschließlich der gesamten Lieferkette aufbaute. Die hohe Schlagzahl könnte sich mittelfristig nicht nur für Europas Autoindustrie insgesamt auszahlen, sondern auch ganz konkret für Volkswagen: 2025 hat sich der Markt für Elektroautos in Deutschland spürbar erholt – und die meistverkauften batterieelektrischen Modelle stammen aus dem VW-Konzern.