„Meine besondere Muttersprache“

Die „Rede der Eingeborenen“ oder doch eine ganz spezielle Sprache? Bestsellerautor Wladimir Kaminer macht sich zum Tag der Muttersprache Gedanken.

Schriftsteller Wladimir Kaminer lebt in Berlin.
Schriftsteller Wladimir Kaminer lebt in Berlin. picture alliance / Frank May

Sein Roman „Russendisko“ machte den in Moskau aufgewachsenen Schriftsteller Wladimir Kaminer vor 20 Jahren international bekannt. Der 52-Jährige lebt seit 1990 in Berlin und schreibt seine Bücher auf Deutsch – und nicht in seiner Muttersprache Russisch. Ein Gastbeitrag zum Tag der Muttersprache.

„Sie schreiben nicht in ihrer Muttersprache? Das muss unglaublich anstrengend für Sie sein!“ ­– mit solchen Bemerkungen werde ich andauernd konfrontiert. Ich habe tatsächlich erst von kurzem eine Muttersprache entwickelt, meine Mutter wird 89 Jahre alt, sie hört nicht gut, möchte aber keinen Hörgerät tragen. Mit dem Alter entwickeln manchmal Menschen eine hohe Empfindlichkeit den Geräuschen gegenüber. Meine Mutter sagt, sie kann mit dem Hörgerät nicht frühstücken oder fernsehen, weil sie sich selbst dabei kauen oder ihre Katze schnarchen hört. Aber die Stimmen ihrer Mitmenschen bleiben trotzdem zu leise und unverständlich, besonders wenn diese Mitmenschen hohe Stimmen haben.

Also habe ich für Gespräche mit Mama eine besondere Muttersprache entwickelt, ich versuche tief und deutlich zu sprechen, gestikuliere dabei und wiederhole alles zweimal. Das funktioniert gut. Und möglicherweise hat diese Art der Kommunikation auch meine literarische Arbeit beeinflusst. Ich schreibe zwar auf Deutsch, versuche aber auch, mich dabei so klar und verständlich wie bei Mama auszudrücken. Im Russischen ist „Sprache“ übrigens maskulin und hat mit den Müttern nichts zu tun. Direkt ins Deutsche übersetzt, würde Muttersprache auf Russisch „Die Rede der Eingeborenen“ heißen.

Meine in Deutschland geborenen und bilingual erzogenen Kinder behaupten heute frech, sie hätten gar keine normale Muttersprache, nur eine geheime, die kaum jemand versteht. Ihre Sprachräume waren quasi eine Zweizimmerwohnung. Zuhause von den Eltern hörten sie stark mit Schimpfvokabular angereichertes Russisch, weil man auf Russisch viele komplizierte zwischenmenschliche Inhalte nur in speziellen Schimpfformen wiedergeben kann. Im Kindergarten hatten die Kinder erfolgreich sächseln gelernt. Es hat sich nämlich historisch ergeben, dass in unserem Ostberliner Kindergarten die meisten Erzieherinnen aus Sachsen kamen, deswegen hatten alle Kindergartenkinder diesen wunderbaren Dialekt drauf, der mich an den Vogelgesang erinnert, an die etwas ratlosen Singvögel, die sich nicht entscheiden können, ob sie in den Süden ziehen oder doch im Osten bleiben sollen.

Heute sagen die Kinder, sie sind irritiert, wenn sie sich mit Gleichaltrigen an die Kindergartenzeit erinnern. Sie hatten zwar alle damals die gleichen Lieder gesungen, bloß haben sie diese Lieder wohl falsch verstanden. Das gleiche mit Bibi Blocksberg. Erst viel später hat meine Tochter realisiert, dass nicht nur Bibi, sondern alle Mädchen in diesem Film Hexen waren.

Die Russen halten sie für Deutsche, die Deutschen für die Russen, nur ihre Mutter versteht sie richtig, weil sie die geheime Muttersprache kann.

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