Mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede

Afu Thomas gehört zu den bekanntesten Deutschen in China. Mit seinen humorvollen Videos trägt der Influencer zur Verständigung bei.

 Thomas Derksen lebt als Influencer in Shanghai.
Thomas Derksen lebt als Influencer in Shanghai. Kai Hartmann

Seit 2016 lebt „Afu Thomas“ mit seiner chinesischen Frau in Shanghai. Der ehemalige Bankkaufmann kommt ursprünglich aus dem kleinen Dorf Marienheide in Nordrhein-Westfalen. Seit seinem Umzug nach China präsentiert er in humorvollen Videos sein Leben und seine Erlebnisse als Deutscher in China. Mit über 1,4 Millionen Followern auf verschiedenen Social-Media-Kanälen ist er der bekannteste deutsche Influencer in China.

Wie bist du auf die Idee gekommen Videos zu produzieren?

Da bin ich tatsächlich einfach so reingerutscht. Eigentlich wollten meine Frau und ich 2016 eine kleine Unternehmensberatung für deutsche Firmen in Shanghai aufbauen. Als wir ein lustiges Video von einer Chinesin auf WeChat gesehen haben, meinte meine Frau, ich soll das doch auch mal probieren und den Menschen zeigen, wie es ist der deutscher Schwiegersohn in einer chinesischen Familie zu sein. Ich hab mir aufgeschrieben, was meine Schwiegereltern mir erzählen und was ich von meiner Frau immer zu hören bekomme. Daraus haben wir dann ein kurzes Video geschnitten, das direkt viral gegangen ist. Das war vor fünf Jahren und wir machen immer noch Videos.

Du machst aber auch Videos, in denen du Deutschen China erklärst und andersherum. Woher kommen die Ideen dafür?

Ich hole mir Anregungen bei anderen Creatorn und bekomme Kommentare von den Fans. Aber auch der Alltag inspiriert mich.

Du heißt eigentlich Thomas Derksen. Woher kommt der Name „Afu Thomas“?

Afu bedeutet grob übersetzt „der Glückliche“. Den Namen hat mir tatsächlich der Regisseur einer chinesischen Fernsehsendung gegeben. Ich hatte mir damals einen ganz hochtrabenden, chinesischen Namen ausgesucht, der an meinen deutschen Namen angelehnt war – De Fu Long. Als der Regisseur den gehört hat, meinte er nur, dass sei ein ganz hässlicher Name, er nenne mich einfach Afu. Seitdem bin ich Afu.

Was fasziniert dich an China? Wieso hast du dich dafür entschieden nach Shanghai zu ziehen?

Das erste Mal war ich 2007 im Rahmen einer dreiwöchigen Klassenfahrt in China. Als wir dort angekommen sind, war das natürlich erstmal ein Kulturschock für uns – die ganzen Gerüche, die vielen Menschen, das Wetter und das Essen. Aber nach einer Woche hatten wir uns daran gewöhnt und ich habe China lieben gelernt, weil es so anders ist als Deutschland. Die Menschen waren sehr neugierig und haben sich mit uns unterhalten – obwohl wir kaum Chinesisch konnten und die meisten Chinesen weder Deutsch noch Englisch sprachen.

Als wir nach Deutschland zurückgekommen sind, habe ich nach der Schule eine Ausbildung als Bankkaufmann gemacht – wollte aber nicht mein ganzes Leben lang Bausparverträge verkaufen. Deshalb hab ich Wirtschaft und Politik Ostasiens und Chinesisch studiert. Während meines Studiums  bin ich dann nach China gegangen.

Bei mir ist es allerdings nicht nur ein Unterschied zwischen Deutschland und China, sondern auch zwischen Stadt und Land. Ich komme aus Marienheide, einem kleinen Dorf – das ist genauso wie es sich anhört: sehr katholisch und viel Feld, Wald und Wiese. Shanghai ist eine Stadt mit 25 Millionen Menschen, das ist natürlich ein riesiger Unterschied. Das hat mich so fasziniert.

Eigentlich sind wir gar nicht so unterschiedlich, wie wir das immer denken.

Afu Thomas

Wie wichtige ist es dir, dass deine Videos nicht nur unterhaltsam sind, sondern auch zur Verständigung beitragen?

Das ist mir sehr wichtig. Deshalb versuche ich auch in jedem Video den Menschen in den Mittelpunkt zu stellen. Eine erfolgreiche Serie, die wir machen, ist zum Beispiel gar nicht so humorvoll, sondern eigentlich recht ernsthaft. Da gehe ich in verschiedenen Städten um drei Uhr nachts auf die Straße und frage die Menschen, was sie um die Uhrzeit noch draußen machen, weil sie ja eigentlich im Bett liegen sollten. Die Menschen erzählen mir sehr viele interessante  Geschichten, warum sie noch wach sind. Zum Beispiel um Geld zu verdienen, weil sie um jeden Cent kämpfen müssen. Oder ich treffe junge Menschen, die feiern, weil sie den Stress im Alltag vergessen möchten. Das sind sehr interessante Videos, die von meinen Followern auch gerne angeschaut werden. Daran merkt man, dass die Menschen nicht nur unterhalten werden wollen, sondern auch die Sinnhaftigkeit der Videos sehen. Ich möchte, dass die Chinesen mehr über Deutschland lernen und die Deutschen mehr über China.

Was ist für dich der größte gesellschaftliche Unterschied zwischen Deutschland und China?

Der größte Unterschied ist für mich, dass China sich noch entwickelt. In Deutschland ist schon vieles gesetzt, wir haben eine sehr stabile Wirtschaft und eine stabile Gesellschaft. In China gibt es noch sehr viel schnelle Veränderung und Dynamik. Die Chinesen arbeiten viel und sind sehr zukunftsoptimistisch. Sie glauben, dass es ihren Kindern besser gehen wird, wenn sie hart genug arbeiten. Das fehlt mir manchmal in Deutschland. Deutschland ist schon lange auf einem sehr hohen Niveau und die Menschen glauben deshalb, es könne nur schlechter werden.

Und wo gibt es Ähnlichkeiten?

Ich sag immer, eigentlich sind wir gar nicht so unterschiedlich, wie wir das immer denken. Politisch und wirtschaftlich betrachtet gibt es natürlich riesige Unterschiede, aber ein Land besteht ja nicht nur aus Politikern oder Unternehmen, sondern aus ganz normalen Menschen. Wenn wir zum Beispiel eine chinesische Mittelstandsfamilie wie meine Schwiegereltern nehmen und eine deutsche Mittelstandsfamilie wie meine Eltern, dann sind sie gar nicht so unterschiedlich. Beiden ist es wichtig, dass sie von ihrer Arbeit leben können, dass es der nächsten Generation besser geht als der jetzigen und dass alle gesund und glücklich bleiben – das ist bei den Chinesen ganz genauso wie bei den Deutschen. Ich denke, es gibt mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede.

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