Tsitsi Dangarembga: "Keine Meinungsfreiheit in Simbabwe"

Die Simbabwerin Tsitsi Dangarembga erhält den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Im Interview erklärt sie, warum in ihrer Heimat das freie Wort einen schwierigen Stand hat.

Mit Tsitsi Dangarembga wird zum dritten Mal eine afrikanische Stimme mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet
Börsenverein des Deutschen Buchhandels

Die 1959 in Simbabwe geborene Tsitsi Dangarembga studierte in ihrem Heimatland Psychologie und später in Berlin an der Film- und Fernsehakademie. Heute ist sie eine der bedeutendsten Filmemacherinnen ihres Landes. In ihren Filmen setzt sich Dangarembga häufig mit gesellschaftlichen Themen wie Aids und Gewalt gegen Frauen auseinander. Zudem unterstützt sie junge Filmemacherinnen in ihrem Land und gründete 1990 ihre Filmproduktionsfirma "Nyeria".

Als Autorin machte sie sich einen Namen mit ihrer Romantrilogie rund um die Protagonistin Tambudzai, einer junge Frau, die nach (wirtschaftlicher) Unabhängigkeit strebt und immer wieder mit äußeren und inneren Widrigkeiten zu kämpfen hat.

Tstitsi Dangarembga beschäftigt sich zudem seit Jahrzehnten mit dem Umgang mit kolonialer Beutekunst in Berliner Museen. In ihrem Heimatland setzt sie sich aktiv gegen Korruption ein und wurde im Juli 2020 kurzzeitig verhaftet, weil sie gegen die Regierung Simbabwes protestiert hatte. Derzeit läuft deswegen ein Verfahren gegen sie.

Am 24. Oktober 2021 wird Tsitsi Dangarembga mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels im Rahmen der Frankfurter Buchmesse geehrt. 

DW: Tsitsi Dangarembga, Sie sind die erste Frau aus Subsahara-Afrika, die mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet wird. Was bedeutet das für Sie und andere Schriftstellerinnen vom afrikanischen Kontinent? 

Tsitsi Dangarembga: Ich bin begeistert und freue mich sehr. Für mich war es ein ziemlich langer Weg bis zu dieser Anerkennung und Wertschätzung und deshalb bin ich doppelt dankbar. Ich denke, wenn man sieht, dass jemand, mit dem man sich identifizieren kann, seine Sache gut macht und Erfolg hat und die gute Leistung anerkannt wird, ist das immer ermutigend für andere Menschen. 

Nach dem Sturz des langjährigen Präsidenten Robert Mugabe und der Machtübernahme durch seinen Stellvertreter Emmerson Mnangagwa im Jahr 2017 steckt Ihr Heimatland Simbabwe weiterhin in einer tiefen Krise. Die Bevölkerung leidet unter der sozioökonomischen Situation und unter massiven Menschenrechtsverletzungen. Wie schwierig ist die Situation, insbesondere in Bezug auf die Meinungsfreiheit?

Ich betrachte die Meinungsfreiheit in zweierlei Hinsicht. Ich betrachte sie so, wie sie normalerweise verstanden wird: Wenn jemand etwas gesagt hat, was sind dann die Folgen dieser Äußerung? Es gibt also in der Tat Repressionen in Bezug auf die freie Meinungsäußerung. In Simbabwe gibt es einen Witz: Es gibt Freiheit VOR der Meinungsäußerung, aber es gibt keine Freiheit NACH der Meinungsäußerung. Die Menschen sind sich also bewusst, dass der Staat Konsequenzen ziehen kann, wenn man bestimmte Dinge sagt. Oder wenn er einfach nur davon erfährt - was ziemlich oft der Fall ist, da es augenscheinlich Menschen gibt, die nur allzu bereit sind, darüber zu informieren, was andere tun und sagen.

Für mich gibt es aber noch eine andere Art der freien Meinungsäußerung: Man kann sich nur äußern, wenn man die Mittel dazu hat. Und das wird immer schwieriger: Die Menschen haben häufig keinen Zugang zu den sozialen Netzwerken, um sich frei zu äußern, weil die Kosten für Datenvolumen so hoch sind. 

Literatur erfordert viel Zeit zum Schreiben. Und aufgrund der Krise in Simbabwe und der Tatsache, dass es jeden Tag so mühsam ist, auch nur das Nötigste zum Überleben aufzutreiben, haben die Menschen nicht die Zeit und die Muße, sich hinzusetzen und nachzudenken und in Ruhe zu schreiben, was sie vielleicht schreiben wollten.

Filme zu produzieren, ist sogar noch schwieriger, weil dazu sehr viel Geld nötig ist. Die finanziellen Mittel werden in Simbabwe allerdings vom Staat kontrolliert und alle Unternehmen müssen sich in irgendeiner Weise beim Staat registrieren. Unternehmen, die bereit wären, kreative Erzählungen zu unterstützen, müssten bei deren Auswahl sehr vorsichtig sein, denn durch Erzählungen, die den Staat nicht unterstützen, könnten sie selbst in Schwierigkeiten geraten. Es gibt also eine Ebene, auf der es keine freie Meinungsäußerung gibt, weil die Ressourcen bestimmten Menschen vorenthalten werden. 

Wie wirkt sich diese Situation auf Ihre Arbeit aus?

Diese Situation ist der Grund, warum ich seit vielen, vielen Jahren keinen eigenen Film mehr produziert habe. Und was das Schreiben anbelangt, dauert es deshalb so lange, (Dangarembga schrieb drei Bücher in drei Jahrzehnten, Anm. d. Red.), weil es so viel zu tun gibt, um das Überleben zu sichern, um dafür zu sorgen, dass das Essen auf den Tisch kommt, dass ich nicht die Zeit habe, mich hinzusetzen und in Ruhe zu schreiben.

Nach der Unabhängigkeit im Jahr 1980 gab es viele sehr gute und unabhängige Verlage und Buchläden in Simbabwe. Eine der wohl besten Buchmessen Afrikas fand in Harare statt. All das ist nun vorbei. Wie schwer ist es derzeit, an Bücher zu kommen? 

Der Zugang zu Büchern ist in Simbabwe sehr schwierig. Bücher werden jetzt sehr hoch besteuert, wenn sie ins Land kommen. Sie sind sehr teuer und nur sehr wenige Menschen haben die für den Kauf von Büchern erforderlichen Kreditkarten. Und so lesen die Menschen immer weniger.

Die Menschen sind immer noch an der Produktion von Erzählungen interessiert, aber das Verlagswesen ist zusammen mit den anderen Wirtschaftszweigen des Landes und insbesondere der Kreativwirtschaft zusammengebrochen. Es gibt in Simbabwe nur noch sehr wenige funktionierende Industrien, so dass es für junge Menschen in Simbabwe sehr schwierig ist, an eine Karriere als Schriftsteller zu denken. Wir stellen fest, dass die Schriftsteller dazu neigen, in andere Länder zu gehen, in denen es eine Buch- und Literaturindustrie gibt, an der sie teilhaben können. Und so wird die Idee der Literatur und des Schreibens weder von der Regierung noch von einem der noch funktionierenden Sektoren unterstützt.

Von Zeit zu Zeit engagieren sich Nichtregierungsorganisationen für die Veröffentlichung eines Buches. Dabei kann es sich um Belletristik oder um Sachbücher handeln, aber die Bücher stehen immer im Kontext der Entwicklungserzählung, die Afrika als Problem darstellt: "Afrika ist unterentwickelt" lautet das Narrativ. Es handelt sich also um eine Art Erzählung, die bewirkt, dass afrikanische Menschen sich selbst als Problem identifizieren und obwohl ich glaube, dass solche Erzählungen in gutem Glauben produziert werden, haben sie in Wirklichkeit keine positiven Auswirkungen auf die Gemeinschaften und die Gesellschaften, für die sie gedacht sind. Daher ist es für die Menschen derzeit sehr schwierig, an der Literaturproduktion teilzunehmen oder Zugang zu Büchern zu erhalten.

Sie haben sich für mehr Freiheit, für mehr Demokratie in Ihrem Land eingesetzt und wurden verhaftet. Sie sind im September zuletzt vor Gericht erschienen und müssen sich im Dezember erneut dort verantworten. Wie brenzlig ist die Situation für Sie?

Meine Lage in Simbabwe ist nicht besonders ernst. Ja, ich wurde am 31. Juli 2020 verhaftet, nachdem ich mit zwei Plakaten und einer Freundin friedlich demonstriert hatte. Ich stand jetzt schon über zehn Mal vor Gericht. Im September war der Staat nicht bereit, mich zu belangen. Das bedeutet einfach, dass sie nicht die nötige Arbeit geleistet haben, um sagen zu können, ja, dieser Fall geht jetzt vor Gericht, und so werde ich am 15. Dezember eine weitere Anhörung haben, um herauszufinden, was dann passiert.