Geschickt, ausdauernd, zugewandt

Helga Schmid ist die neue Generalsekretärin der OSZE. Die deutsche Top-Diplomatin gilt als freundlich im Ton und hart in der Sache.

Helga Schmid, OSZE-Generalsekretärin
Helga Schmid, OSZE-Generalsekretärin dpa

Es gibt Menschen, die über viele Jahre wichtige Beiträge zur Integration Europas geleistet haben und trotzdem nur einem kleinen Fachpublikum bekannt sind. Zu ihnen gehört die deutsche Diplomatin Helga Schmid, die seit 2006 für die Europäische Union arbeitet und seit 2016 als Generalsekretärin den Europäischen Auswärtigen Dienst (EAD) geleitet hat. Am Aufbau dieser Behörde mit heute rund 4.500 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern hatte sie entscheidenden Anteil – und hat damit viel für die gemeinsame Außen- und Sicherheitspolitik der EU-Staaten getan.

Womöglich wird die 60-Jährige künftig mehr öffentliche Auftritte absolvieren und häufiger in den Nachrichten genannt werden. Denn Helga Schmid ist die neue Generalsekretärin der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE), wie die Außenministerinnen und -minister der 57 OSZE-Staaten Anfang Dezember 2020 entschieden. Damit erreicht die gebürtige Bayerin, die Ende der 1980er-Jahre in den Dienst des Auswärtigen Amts getreten war, den vorläufigen Höhepunkt ihrer diplomatischen Karriere.

Die OSZE ist ein Kind der Entspannungspolitik der 1970er-Jahre, ihr gehören alle europäischen Länder, die Türkei, die Mongolei, alle Nachfolgestaaten der Sowjetunion sowie die USA und Kanada an. Die Sicherung von Stabilität, Frieden und Demokratie sind ihre wichtigsten Ziele. Sie betreibt auch Beobachtungsmissionen in bewaffneten Konflikten, so in der Ost-Ukraine, wo sich von Russland gestützte Separatisten und ukrainisches Militär gegenüberstehen, und in Berg-Karabach, wo Aserbeidschan Ende 2020 Armenien im ersten echten Drohnenkrieg der Geschichte große Verluste zufügte.

Als zunächst für drei Jahre gewählte Generalsekretärin wird die Deutsche die Struktur der Organisation weiterentwickeln und als Vertreterin des Vorsitzenden – derzeit Albaniens Ministerpräsident Edi Rama – politische Dialogprozesse zwischen den Mitgliedstaaten einleiten. Sie wird ihre vielen Kontakte nutzen, um frühzeitig Spannungen und Konflikte in Europa zu entdecken, bevor diese sich ausweiten können.

Helga Schmid erwartet eine ebenso schwierige wie wichtige Aufgabe.

Heiko Maas, deutscher Außenminister

Nach Ansicht des deutschen Außenministers Heiko Maas ist niemand besser geeignet als Schmid, die OSZE wieder handlungsfähiger zu machen, die Mitte 2020 wegen der Blockade einiger Mitgliedsländer gegen die Wiederwahl ihrer damaligen Führung in die Krise geraten war. Die Diplomatin erwarte „eine ebenso schwierige wie wichtige Aufgabe“, sagte Maas. Er habe „großes Vertrauen in sie“.

Mit diesem Urteil steht Maas im Auswärtigen Amt nicht allein – schon der erste grüne Außenminister Deutschlands, Joschka Fischer (im Amt von 1998 bis 2005), lobte öffentlich die Fähigkeiten Schmids, die er zu seiner Büroleiterin machte. Zuvor hatte die studierte Romanistin und Anglistin im Ministerbüro von Fischers Vorgänger Klaus Kinkel gearbeitet.

Frauen sind die besseren Verhandler.

Helga Schmid, OSZE-Generalsekretärin

Joschka Fischer, Politiker der „Grünen“, der für seine anschauliche Rhetorik bekannt ist, bezeichnete seine Mitarbeiterin Schmid gelegentlich als „Tüpfelhyäne“. Das war als Kompliment gemeint. Diese größte Hyänenart hat ein außerordentlich komplexes Sozialsystem und gilt als besonders geschickter und höchst ausdauernder Jäger.

Auch Kolleginnen und Kollegen preisen Schmids blitzschnelle Auffassungsgabe, ihre zupackende Art, ihre Fähigkeit zur Netzwerkbildung und vor allem ihr Talent, Gesprächspartnerinnen und -partner durch Freundlichkeit für sich zu gewinnen. „Frauen sind die besseren Verhandler“, sagt sie.

Abkommen zum iranischen Atomprogramm mitverhandelt

In der Sache freilich gilt die Diplomatin als hart – was ihr als EU-Vertreterin bei den Verhandlungen mit Iran über dessen Atomprogramm zugutekam, die nach jahrelangem zähen Ringen 2015 zu einem Abschluss gekommen waren. Noch heute eilt Schmid im Auswärtigen Amt der Ruf voraus, die komplizierten Details des Atomvertrags besser als jede oder jeder andere zu kennen. Die Diplomatin hatte mit dem damaligen iranischen Chefunterhändler und späteren Präsidenten Hassan Rohani den Wortlaut des 100-seitigen Abkommens Schritt für Schritt verhandelt.

Für ihren Einsatz und ihren Erfolg verlieh ihr der damalige deutsche Außenminister Frank-Walter Steinmeier im November 2015 in Brüssel das Bundesverdienstkreuz. Zwölf Jahre lang habe die EU-Führungskraft mit der „diplomatischen Bohrmaschine in der Hand“ daran mitgewirkt, einen Durchbruch zu erzielen, lobte Steinmeier, der spätere Bundespräsident, damals.

Nach der Wahl von Joe Biden zum US-Präsidenten hoffen die EU-Staaten nun darauf, das Atomabkommen mit Iran zu retten, das Bidens Vorgänger Donald Trump gekündigt hatte und durch gezielte Sanktionen scheitern lassen wollte.

Zwar wird Schmid als OSZE-Chefin genug zu tun haben, aber auch bei der Wiederbelebung des Atomvertrags könnten ihre Erfahrungen womöglich helfen. Notfalls, so heißt es in Diplomatenkreisen, werde man sich bei der mit jedem Detail des Abkommens vertrauten Kollegin telefonisch Rat holen. Die arbeitet künftig am OSZE-Sitz und somit dort, wo sie jahrelang mit Irans Vertretern verhandelt hatte – in Wien.

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