„Schwere, tragische Entscheidungen“

Woran orientieren sich Ärzte, wenn Geräte und Personal knapp werden? Medizinethikerin Kathrin Knochel hat an Empfehlungen mitgearbeitet.

Ärzte begutachten die Daten von Covid-19-Patienten
Ärzte begutachten die Daten von Covid-19-Patienten picture alliance / Zoonar

„Ärzte in Deutschland kommen bislang nur selten in Situationen, in denen es unausweichlich ist, Patienten zu priorisieren. Die Triage ist vor allem ein Thema der Katastrophen- und Notfallmedizin. Das Vorgehen dabei lässt sich nicht einfach auf die Corona-Pandemie übertragen. Hier geht es um einen anderen Zeithorizont, gewissermaßen um eine Katastrophe über längere Zeit. Das ist eine ganz neue Situation, auf die wir als Ärzte so nicht vorbereitet waren.

Kathrin Knochel, Oberärztin für klinische Ethik in München
Kathrin Knochel, Oberärztin für klinische Ethik in München Alessandra Schellnegger

Als sich abzeichnete, dass Ressourcen knapp werden könnten, und wir die erschütternden Bilder aus anderen europäischen Ländern sahen, war klar: Wir brauchen Orientierung für jene, die möglicherweise mit dem Thema konfrontiert werden. Das wären wirklich schwere und tragische Entscheidungen – Ärzte dürfen damit nicht allein gelassen werden. Die entstandenen Empfehlungen sollen das Vorgehen transparent, in einheitlichen und ethisch gut begründbaren Prinzipien und Abläufen zusammenfassen.

Wichtig ist das Mehr-Augen-Prinzip: Die Entscheidung liegt nicht in der Hand eines Einzelnen.

Medizinethikerin Kathrin Knochel

Leitend ist das Gleichheitsgebot: Alle Patienten werden berücksichtigt. Es ist nicht zulässig, aufgrund des Alters, sozialer Merkmale, Vorerkrankungen oder Behinderungen zu entscheiden. Wir müssen verantwortungsvoll vorgehen mit Blick auf jeden Einzelnen: Wie ist der intensivmedizinische Bedarf, was ist der Patientenwille, wie ist die Überlebenswahrscheinlichkeit? Es gibt kein einzelnes Kriterium, es geht um eine Gesamteinschätzung. Wichtig ist dabei das Mehr-Augen-Prinzip: Die Entscheidung liegt nicht in der Hand eines Einzelnen. Mindestens zwei, besser drei Experten beurteilen gemeinsam die Situation. Daneben bleibt es natürlich von Bedeutung, vorhandene Ressourcen überregional zu koordinieren.

In Deutschland hält sich die Zahl der Covid-19-Patienten, die im Krankenhaus behandelt werden müssen, aufgrund der Maßnahmen in Grenzen. Dazu haben alle mit großer Solidarität beigetragen. Ich hoffe, dass auch in Zukunft die Empfehlungen nicht angewendet werden müssen.“

 


Kathrin Knochel ist Oberärztin für klinische Ethik am Klinikum rechts der Isar in München. Sie hat an den Triage-Empfehlungen mitgearbeitet, die die Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin in Zusammenarbeit mit sieben weiteren Fachgesellschaften in der Corona-Pandemie veröffentlicht hat.


 

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