„Noch viel Luft nach oben“

Psychologie-Professorin Jule Specht engagiert sich wissenschaftspolitisch – und fordert mehr Geschlechtergerechtigkeit.

Die 33-jährige Jule Specht forscht an der Humboldt-Universität.
Die 33-jährige Jule Specht forscht an der Humboldt-Universität. Jens Gyarmaty

Frau Professorin Specht, wie ist die Situation von Frauen in der deutschen Wissenschaft?

An vielen Stellen erleben wir weiterhin eine systematische Benachteiligung von Frauen in der deutschen Wissenschaft. Zum Glück sind weite Teile der deutschen Gesellschaft und der Wissenschaft mittlerweile für das Thema Chancengerechtigkeit sensibilisiert. Und die Situation von Frauen hat sich in den letzten Jahren auch in die richtige Richtung entwickelt. Dennoch gilt, dass in Deutschland für Frauen eine Wissenschaftskarriere oftmals noch schwieriger ist als für Männer. Schwächen hat Deutschland im internationalen Vergleich unter anderem beim Anteil von Frauen unter den Professor*innen, aber wir haben zum Beispiel auch einen erheblichen Gender Pay Gap in der Wissenschaft. Es ist also noch viel Luft nach oben. Bestehende Formate wie das Professorinnen-Programm müssten deutlich aufgestockt werden, um Verbesserungen im Wissenschaftssystem zu beschleunigen.

Wie sieht die Chancengerechtigkeit auf den verschiedenen Karrierestufen aus?

Der Anteil von Frauen nimmt mit steigender Hierarchiestufe ab. Wir haben über alle Fächer hinweg ein ausgewogenes Verhältnis der Geschlechter unter den Studierenden und weitgehend während der Promotionsphase. In der Postdoc-Phase kommt der große Bruch, wo viele gute Frauen der Wissenschaft verloren gehen.

Woran liegt das?

Das hat mehrere Gründe: Im internationalen Vergleich hat das deutsche Wissenschaftssystem eine sehr lange Postdoc-Phase. Das durchschnittliche Berufungsalter auf eine Professur liegt erst bei etwa 42 Jahren, es gibt also eine lange Unsicherheitsphase zwischen Promotion und Berufung. Die fehlenden Perspektiven und die Notwendigkeit häufiger Uniwechsel sind für viele wenig attraktiv, sie verlassen die Wissenschaft oder gehen ins Ausland. Zum Teil wird Frauen eine Professur auch weniger zugetraut als einem vergleichbar qualifizierten Mann, oder es werden Bewertungskriterien herangezogen, die bereits einen Gender Bias haben.

Was muss für mehr Ausgewogenheit getan werden?

Ich denke, wir sollten in Deutschland international etablierte Karrierewege wie die Tenure-Track-Professuren noch stärker fördern. Sie können früh nach der Promotion angetreten werden und stellen – bei hervorragender Leistung – eine Entfristung in Aussicht.

Interview: Bettina Mittelstraß

© www.deutschland.de

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