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Schau zeigt Flüchtlingsbilder

München (dpa) - Orange, gelb und blau - ein riesiger Haufen Schwimmwesten auf der griechischen Insel Lesbos. Sie zeugen davon, wie vielen Flüchtlingen die gefährliche Flucht über das Mittelmeer gelang. Sie lassen aber auch ahnen, wie viel Geld in die Taschen von Schleusern floss. In Italien, Griechenland und Deutschland hat die Fotografin Herlinde Koelbl Szenen nach der Flucht im Bild festgehalten. Ihre Ausstellung «Refugees - Eine Herausforderung für Europa» ist nach Stationen in Straßburg, Nancy, Luxemburg und Berlin im Literaturhaus in München zu sehen.

«Ich wollte herausfinden, wie es weitergeht nach der Ankunft», sagte Koelbl am Donnerstag zur Eröffnung. Wochenlang hatte die 77-Jährige in Lagern auf Lesbos, in Sizilien, in Idomeni an der Grenze zu Mazedonien, in Berlin und Donauwörth Schicksalen nachgespürt.

Sie dokumentiert die Zeit im Schwebezustand, nach der dramatischen Flucht, aber vor dem neuen Leben: Flüchtlinge, barfuß bei der Ankunft, im Lager beim Kochen, beim Beten, beim Laden der Handys, auf engstem Raum schlafend, beim Lernen im Sprachkurs. Eingehüllt in goldene Überlebensdecken stehen Flüchtlinge vor einem Zelt - «wie die Könige aus dem Morgenland», sagt Koelbl. Tatsächlich kommen sie zumindest mit einer großen Hoffnung.

Der Europarat hatte die Fotografin zum Weltflüchtlingstag 2016 mit dem Projekt beauftragt. Die Schau gastiert ab Oktober in der Uno in New York. Koelbl habe mit «Refugees» ein Dokument der Zeitgeschichte geschaffen, sagt die Leiterin des Literaturhauses, Tanja Graf.

Koelbl, die autodidaktisch zur Fotografie kam und für renommierte Zeitungen und Zeitschriften arbeitete, sieht sich nicht als Journalistin, sondern eher als Chronistin. Vor allem wurde sie mit ihrer Dokumentation «Spuren der Macht – Die Verwandlung des Menschen durch das Amt» bekannt, in dem sie Prominenten wie Angela Merkel, Joschka Fischer und Gerhard Schröder über Jahre begleitete.

Ähnlich ging sie bei «Refugees» vor. «Ich gehe durch die Camps, rede mit den Menschen, verbringe Zeit mit ihnen», sagt sie. Die Flüchtlinge zeigten ihr Erinnerungen: Tee von daheim, die letzte afghanische Banknote, eine Gebetskette, ein Kreuz - und Handyfotos: das zerschossene Haus, das sie verlassen haben, ihre Liebsten, die zurückblieben, Menschen, die im Wasser ums Überleben kämpfen.

Manchem der Porträtierten steht der Schrecken in den Augen, andere schauen zuversichtlich in ihre ungewisse Zukunft. Kindern scheint die Erfahrung von Gewalt und Verlust regelrecht ins Gesicht geschrieben. «Das ist etwas, das einen nicht mehr loslässt», sagt Koelbl.

Koelbl fing auch auf, wie sich Menschen auf kleinstem Raum Intimsphäre schaffen: mit Nachtkästchen aus Pappe oder mit in den Boden gegrabenen Kochstellen - um dem Einheitsgericht Rigatoni mit Tomatensoße zu entgehen.

Sie verweist in der Ausstellung auf die UN-Flüchtlingskonvention - und zitiert den Wissenschaftler Detlef Gronenborn vom Römisch-Germanischen Zentralmuseum, der auf die jahrtausendelange Geschichte der Migration verweist. Aus dem Raum der heutigen Osttürkei und Syrien seien vor 7000 Jahren Menschen auch ins heutige Deutschland gekommen; in manchen Regionen Mitteleuropas seien bis zu 80 Prozent der Menschen auf eine nahöstliche Herkunft zurückzuführen. Koelbl will mit ihrem Projekt auch zeigen: «Es geht nur miteinander.»

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